Letzte Aktualisierung am 20. August 2014

Reisende am BahnhofDie gestrige Ortsversammlung glich eher einem grossen Presserummel anstatt der gewohnten einträchtigen Debatten. Überraschend waren nicht nur regionale Medien angereist. Egon Schulze lächelte nur vielsagend: “Das ist der Preis, welchen man zahlen muss, wenn man berühmt wird!”

Ohne Zweifel ist Waldesruh seit dem letzten Jahr auch über die Grenzen der Region bekannt geworden. Dies belegen eindrucksvoll nicht nur die Zahlen der Übernachtungsgäste, sondern auch die Zahl der Tagestouristen ist um mehr als das Doppelte gestiegen. Zahlen der Deutschen Bundesbahn und diverser Reiseveranstalter bestätigen diesen Trend.

Fräulein Krause wirkte angesichts der Menge aus Journaille und Fotografen leicht verunsichert. Doch mit ihren gewohnten Charme übertünchte sie diese Unsicherheit leicht.

Bei der Ortsversammlung ging es um nicht weniger als die Zukunft des Ortes Waldesruh und dessen Entwicklung. Nachdem die Pläne der Zwangseingemeindung wohl erst einmal vom Tisch sind, müssen sich auch die Waldesruher Gedanken um die weitere Entwicklung machen. “Wir haben eine Menge erreicht, doch wir müssen auch wissen, wo wir hinwollen.” – so Egon Schulze in seiner Eröffnungsrede. Waldesruh ist gemessen an den Tourismuszahlen eine kleine Stadt geworden. “Wir dürfen uns dem Fortschritt nicht verschliessen, sondern müssen vielmehr die Errungenschaften der modernen Gesellschaft mit unserer eigenen Identität sinnvoll verbinden.”

Gemurmel kam im Saal auf, Bauer Heinrich rief dazwischen: “Watt soll diss heeßen?” (Was soll das bedeuten?). 

Zur Beantwortung dieser Frage stellte Fräulein Krause das Entwicklungskonzept Waldesruh 2018 für die nächsten fünf Jahre vor: “Waldesruh platzt durch die wachsende Zahl der Besucher aus allen Nähten. Zudem wollen immer mehr, auch gut situierte, Bürger ihren Wohnsitz in unserer Gemeinde nehmen. Die verbesserte Verkehrsanbindung ermöglichte erst diesen kleinen Aufschwung, den unser Ort seit einem Jahr erlebt.” Es fehle die Infrastruktur, Hotelbetten, Parkplätze, Einkaufsmöglichkeiten. “Jedoch müssen wir sehen, dass wir unsere Identität nicht verlieren.” Durch den Ortschaftsrat wurde schon im Vorfeld eine Absage an Hotelburgen, Riesenparkhäuser und Schnellrestaurants getätigt.

“In Waldesruh soll man sich weiter wohlfühlen können” – übernahm Egon Schulze wieder das Wort. Jedoch sollen sich die Lebensverhältnisse für die Waldesruher zum Besseren hin ändern. So wird ab dem nächsten Jahr wieder ein Arzt in Waldesruh praktizieren, welcher gleichzeitig eine Erholungsklinik einrichten wird. Neue ortstypische Fachwerkhäuser werden entstehen, welche zusätzliche Übernachtungsmöglichkeiten für Gäste bereitstellen. “Ja, auch Hotels wird es geben, aber diese sollen familiengeführt werden und keine bloßen Bettenburgen sein.” Zudem sollen zusätzliche Flächen für den Bau von Einfamilienhäusern in Ortsrandlage ausgewiesen werden.

“Unser kleiner Bahnhof, der im nächsten Jahr 165 Jahre alt wird, hat keine Kapazitäten mehr, um den zusätzlichen Verkehr aufzunehmen.” Aus diesem Grund sind Verhandlungen mit der Nachbargemeinde geführt wurden. Beide Orte haben sich auf einen Neubau an der Gemarkungsgrenze geeinigt. “Im Rahmen dieses Neubaus, der auch von der Deutschen Bahn unterstützt wird, werden wir auch ein Industriegebiet erschliessen. Durch dieses Industriegebiet können wir auch die innerörtliche Logistik sinnvoller und umweltschonender gestalten.” erläuterte Schulze weiter.

Auch das Konzept für den Tourismus müsse dringend überarbeitet werden. “Wir haben soviele kleine Ausstellungen das ganze Jahr über. Es wird Zeit, dass wir uns Gedanken machen, wie wir gerade die wichtige Kaiser-Wilhelm-Ausstellung, welche noch im Rathaus gezeigt wird, vernünftig in eine Daueraustellung umwandeln können. Doch dazu benötigen wir Räume.” – so Fräulein Krause.

Der wichtigste Grund aber, weshalb es so viele Menschen nach Waldesruh zieht, ist der, daß man hier im Ort noch die unverfälschte Lebensweise der Einheimischen erleben kann – zusammen mit der ursprünglichen Natur des Mittelgebirges. “Und dieses wollen wir unter allem Umständen erhalten. Trotzdem wollen wir kein Disneyland werden, wo die Besucher kommen und uns wie Menschen aus einer längst vergangenen Zeit anschauen” – schloss Egon Schulze seinen Vortrag.

Nach einer kleinen Pause, während der Bärenwirt fleissig Bier und Apfelsaft ausschenkte, war Gelegenheit für die Bürger Fragen an den Ortschaftsrat zu stellen. Diese Gelegenheit wurde auch ausgiebig genutzt. Jedoch kam es zu keinen größeren Streitereien über das Konzept. Tante Rukolla erinnerte jedoch noch einmal an die Maxime, das vor jeder solchen wichtigen Entscheidung noch einmal der gesamte Ort angehört werden sollte. Dem stimmte Egon Schulze zu, schliesslich sei man damit in der Geschichte von Waldesruh sehr gut gefahren.