Tschernobylzone 3. Teil: von Biorobotern und Spechten

Pripjat war im Rahmen meiner Tour durch die Tschernobylzone der herausragendste Ort. Gern wäre ich länger hier verweilt. Ich würde es begrüßen, wenn diese Stadt als Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen würde.

In der Tschernobylzone: das Riesenrad von Pripjat

Die Tschernobylzone und vor allem Pripjat faszinieren

Vieles könnte ich nun noch erzählen über diese Stadt Pripjat. Zum Beispiel: Als der Reaktor explodierte, fuhren die Menschen mit Fahrrädern zu einer Brücke vor der Stadt. Von hier aus konnten sie den brennenden Reaktor sehen. Was sie nicht sahen, war die radioaktive Wolke, die sich in ihre Richtung ausbreitete. In der Reisebeschreibung wird diese Brücke die Brücke des Todes genannt. Oder: Dass die Bewohner der Stadt erst nach 36 Stunden evakuiert wurden. Dabei wurde ihnen gesagt, nach einigen Tagen würden sie wieder zurückkommen. Dementsprechend nahmen sie auch nur das Nötigste mit. Oder: Die bei der Evakuierung eingesetzten 1.000 Busse wurden nach der Evakuierung im normalen öffentlichen Leben wieder eingesetzt.

Pripjat ist heute eine Geisterstadt. Die Gebäude zerfallen und die Natur erobert immer mehr Terrain für sich zurück. Tiere und Pflanzen passen sich an die Radioaktivität an. Plünderer räumten die Gebäude leer und bauten Ersatzteile aus Autos, Maschinen und Anlagen. Mittlerweile wird in der Tschernobylzone verstärkt durch Polizei und Militär überwacht und kontrolliert. Zeitgleich zum Zerfall wird aber versucht, die Infrastruktur dieser Stadt zu sichern. Auch falls es noch einmal zu einem Unfall der Reaktoren kommen könnte.

Im westlichen Teil der Tschernobylzone

Das Leben findet immer einen Weg

Auf der Weiterfahrt durch das westliche Gebiet der Sperrzone konnten wir uns wieder davon überzeugen, welche Macht die Natur hat. Es ist beeindruckend! Dieses Gebiet, welches einen hohen Anteil an Radioaktivität ausgesetzt war, ergrünt und erblüht. Viele Tierarten kehren hierher zurück. Rotwild, Wölfe, Füchse, Seeadler und Schwarzstörche. Im Gebiet wurde eine Herde wilder Przewalskipferde ausgesetzt. An diesen höheren Säugetieren wollte man den Einfluss der Radioaktivität beobachten. Andererseits sollte das ursprüngliche Steppenbild wieder hergestellt werden. Die Tschernobylzone erwacht zu neuem Leben.

Wir kamen am Leliv-Checkpoint an. Dieser steht an der Grenze der 10-km-Zone. Die dortige obligatorischen Kontrolle auf Radioaktivität konnten alle Mitreisenden glücklicherweise erfolgreich absolvieren. Der Bus fuhr weiter zur Kantine nach Tschernobyl, wo es ein verspätetes Mittagessen gab. Diese Kantine und das zugehörige Hotel waren lange Zeit die einzigen betriebenen Unterkünfte für Reisende in diese Region. Vor einigen Tagen eröffnete in Tschernobyl ein weiteres Hotel: der Tourismus und das Interesse an Tschernobyl scheint weiterhin ungebrochen.

Das Essen, traditionelle ukrainische Küche, war einfach – aber lecker. Alle Zutaten wurden frisch von ausserhalb der Tschernobylzone gebracht. Die ukrainische Küche begeisterte mich bereits seitdem ich in Kiew bin. Welche köstlichen und abwechslungsreichen Mahlzeiten kann man doch aus so schnöden Zutaten wie Radieschen, Kartoffeln, Möhren etc. machen! In dieser Hinsicht ist unser westlicher Gaumen ziemlich einfallslos geworden.

Denkmal "To Those who Saved the World”

Helden und Bioroboter

Auf unserer Weiterfahrt kamen wir am Denkmal „To Those who Saved the World” vorbei. Im letzten Beitrag hatte ich bereits über dieses Denkmal berichtet. Es ist den 700.000 Liquidatoren gewidmet, die die Radioaktivität aus der Explosion beseitigen sollten. Ihr Einsatz rettete die Welt vor einer größeren nuklearen Katastrophe.

In der Nähe sind auf einem Platz einige der für die Dekontaminierung verwendeten Fahrzeuge und Maschinen ausgestellt. Mit ihnen wurde in den ersten Stunden und Tagen versucht, die radioaktiven Trümmer in den Reaktor #4 zurück zu bringen und das Gelände zu beräumen. Schnell zeigte sich aber, das diese Fahrzeuge und Maschinen nicht auf diese Radioaktivität ausgerichtet waren.

Vielfach waren die Konstruktionen schnell gebaut und improvisiert. Das Material hielt der Radioaktivität nicht stand und die Maschinen versagten ihren Dienst. Diese hier stehenden Fahrzeuge sind Originale! Dementsprechend verstrahlt und kontaminiert sind sie auch. Ein Übertreten des kleinen Zaunes wird dem Besucher nicht empfohlen.

Wenn aber die Maschinen versagen, wie bekommt man den Reaktor beräumt? Schnell war klar, es ging nur durch den Einsatz menschlicher Kraft. So kamen die 700.000 Liquidatoren zum Einsatz. Freiwillige, Soldaten, Feuerwehrleute, Studenten – jeder Einzelne von ihnen wurde so gut es ging strahlensicher eingekleidet. Nur für wenige Minuten konnten sie sich so der Ruine nähern und die Trümmer aufnehmen. Ein Mannschaftsbus fuhr an die Unglücksstelle, die Insassen stiegen aus und bildeten eine Schlange. War man an der Reihe, schnappte man sich seine Schaufel oder sein Werkzeug, lief zum nächsten Trümmerteil, nahm dieses auf, rannte an den Rand des Kraters und warf das Trümmerteil hinein. Dann schnell zurück zum Bus. Der nächste Liquidator war an der Reihe.

Alles war auf die Minute geplant. Mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerkes lief die Aufräumaktion ab. Stunde um Stunde kamen neue Liquidatoren. Warum diese Menschen Bioroboter genannt wurden, erschließt sich aus der Schilderung des Vorgehens. Viele von ihnen litten später unter dem Einfluss der Strahlen.

Die DUGA-Abhörstation

Lauschen gegen Westen

Nun ging es weiter. Den darauffolgenden nächsten Halt machten wir an einer der markantesten Anlagen in der Sperrzone. Das Überhorizontradar DUGA. Bei dieser imposanten Empfangsantenne handelt es sich um eine Anlage, welche Teil des sowjetischen Raketenabwehrsystems des Verteidigungsministeriums der UdSSR war. Mit diesem Radar sollte ein Start feindlicher Raketen möglichst frühzeitig erkannt werden. Aufgrund ihres Signals wird die DUGA auch Woodpecker oder auf deutsch Specht genannt. Im Zuge der Katastrophe von Tschernobyl musste diese Anlage ebenfalls 1986 aufgegeben werden. Sie kann heute im Rahmen der Touren in die Zone besichtigt werden.

Einen interessanten Bericht zum Überhorizontradar habe ich hier gefunden. Leider war es mir nicht möglich, die gesamte Anlage auf ein Foto zu bekommen. Aber ich denke, die Ausschnitte auf den Fotos zeigen schon, wie imposant das gesamte Gebilde ist. Rund um die eigentliche Antenne gibt es einen kleinen Militärstützpunkt, der aber nicht mehr besetzt ist. Nur einzelne Soldaten passen auf das Gelände auf.

Langsam musste die Tour durch das Gebiet um Tschernobyl zu Ende gehen. In Kiew wird am Abend das zweite Semifinale des Eurovision Song Contest übertragen. Bis dahin sollte ein Großteil der Mitreisenden wieder vor Ort in der ukrainischen Hauptstadt sein.

Nun gab es noch einen kleinen Stop in einem Dorf, dessen Namen mir aber entfallen ist. Der gesamte Ort war verlassen und die Gebäude zerfallen zusehends. Aufgrund der Katastrophe wurden in der gesamten Sperrzone mehr als 1.000 Ortschaften, Dörfer und Städte verlassen. Auch hier holt sich die Natur ihr Terrain zurück.

Obwohl dieser Ort scheinbar ein kleineres Dorf war, so besass er doch neben Wohnhäusern eine ausgeprägte Infrastruktur. Es gab einen Arzt und auch einen Laden, in dem es alles für den gesamten täglichen Bedarf zu kaufen gab. Bereits in der damaligen Sowjetzeit ein Luxus, von dem heute selbst Dörfer in der ehemaligen DDR nur träumen können.

Rückkehr nach Kiew

Nach der Besichtigung dieses verlassenen Ortes machte sich unsere Gruppe auf dem Weg aus der Tschernobylzone zurück nach Kiew. Wieder führte uns unser Weg über den Checkpoint Dytyatky. Auch hier noch einmal eine Kontrolle auf radioaktive Kontaminierung. Glücklicherweise hatte sich niemand verstrahlt, auch unser Bus war weiter einsatzbereit. Einer Rückkehr nach Kiew stand also nichts im Wege.

Pünktlich gegen 19 Uhr kamen wir in der ukrainischen Hauptstadt an. Schnell in unser Hotel gefahren, geduscht und umgekleidet. In zwei Stunden begann das 2. Semifinale. Willkommen zurück im Leben!

Ein Mahnmal für die Menschheit sollte in dieser Region Tschernobyl stehen. In gewisser Weise ist sogar die gesamte Region ein Mahnmal. Ein Mahnmal für die Menschheit! Diese Region kann und sollte ein Mahnmal sein!

Mit diesem Worten begann ich meine Beschreibung über die Tschernobyl-Tour. Nach dem Schreiben bin ich noch fester davon überzeugt, dass diese Region ein Mahnmal sein soll!

Ein Mahnmal für die Menschheit, für den verantwortungsvollen Umgang mit den Menschen, der Natur und unserer Erde. Ein Mahnmal gegen menschliche Überheblichkeit, Größenwahn und der Gewissheit, alles beherrschen zu können.

Auch wenn alles noch so sicher und beherrschbar erscheint, es gibt immer irgendwann einen kleinen Fehler, der eine Katastrophe auslöst. Wir Menschen sind nicht unfehlbar, wir machen Fehler. Solange, bis ein Fehler die Existenz der Menschheit vernichtet. Dann war es das mit dem Menschen. Dann kehrt die Natur zurück!

Die Natur findet ihren Weg

Überrascht war ich über die Kraft der Natur, die sich ausbreitet, wenn sich der Mensch zurückzieht. Die Natur findet immer einen Weg. Vielleicht ist es ein Glück, wenn die Menschheit sich aus der Zeit verabschiedet. Alle bisherigen Massensterben auf der Erde beruhten auf Naturkatastrophen. Das aktuell stattfindende Massensterben ist durch den Menschen ausgelöst. Es wird Zeit, dass sich der Mensch darauf besinnt, dass er selbst nicht die Krone der Schöpfung oder gar Gott ist. Er ist ein Lebewesen unter anderen Lebewesen, mit ihnen und untereinander vernetzt.

Fazit zur Tour durch die Tschernobylzone

Gebucht haben wir unseren Ausflug durch die Tschernobylzone bei SoloEastTravel in Kiew. Ich möchte betonen, dass ich für die veröffentlichten Artikel auf meiner Webseite kein Honorar von dieser Firma erhalte! Die Beiträge schildern einzig und allein meine Eindrücke von dieser Tour.

Getroffen haben wir uns mit einer großen Anzahl von Leuten, die ebenfalls diesen Ausflug gebucht hatten. Das Einchecken in die Busse inkl. Kontrolle der Reisepässe war dementsprechend auch etwas chaotisch. Hier hätte von Seiten des Organisators besser geplant werden können. Aufgrund dieses Umstandes fuhren die Busse dann auch etwas später ab als angekündigt. Unser Bus war bequem und klimatisiert. Völlig ausreichend für diese Belange. Allerdings hatte die Mikrofonanlage vom Bus manchmal kleine Schwierigkeiten.

Wir hatten neben unserem Guide noch zwei Praktikanten an unserer Seite. Mit allen dreien konnte man sich auf englisch unterhalten. Die Ausführungen zur Sperrzone, zu den einzelnen Orten und zur Explosion waren sehr gut und informativ. Unterstützt wurden die Ausführungen auch noch durch diverse Filmaufnahmen. Die Guides kümmerten sich um die Gruppe, zählten nach dem Einsteigen in den Bus immer wieder durch und passten auch während der Stationen auf, dass niemand zurückblieb. Ebenfalls wurden wir auf eventuelle Gefahrenpunkte explizit hingewiesen.

Die Tagestour ist ideal für Interessierte, die sich nur einmal diesen Ort des Geschehens anschauen wollen. Allerdings erhält man hier auch nicht mehr als das übliche Touristenprogramm. Würde ich persönlich noch einmal nach Tschernobyl fahren, so würde ich mich für eine zwei- bis dreitägige Fototour entscheiden. Diese finden in kleineren Gruppen statt und man hat erstens mehr Zeit und ist zweitens flexibler in der Ortswahl.

Ich habe mich zu keinem Zeitpunkt wegen der Strahlung unsicher gefühlt. Im Gegenteil! Zwar hatte nicht jeder Teilnehmer einen Geigerzähler. Aber da die Gruppe ständig beisammen war, war das auch nicht das Problem. Zudem wiesen die Guides auch ständig auf Orte mit höherer Strahlung hin.

Ich fand den Besuch in der Sperrzone sehr informativ. Hier hat man die Gelegenheit etwas anderes als das übliche Touristenprogramm zu sehen. Ob ich noch einmal fahren würde?

Lies hier noch einmal die anderen Beiträge meiner Tour durch die Tschernobylzone:

1. Teil: Tschernobyl – ein Mahnmal für die Menschheit

2. Teil: Tschernobyl-Tour: vom Reaktor nach Pripjat

Haben dir meine Beiträge gefallen? Wenn ja,  kommentiere doch einfach unter dem Beitrag, drücke gefällt mir in den sozialen Netzwerken oder teile ihn ruhig mit deinen Freunden! Hast du Interesse an weiteren Berichten? Dann abonniere doch einfach meinen Newsletter! Mit meinem Newsletter möchte ich dir unsere Natur und Heimat zeigen! Dich bekannt machen mit interessanten Wanderzielen! Zudem erhältst du Tipps zum Fotografieren und kannst aus meinen Erfahrungen für ein bewussteres und nachhaltigeres Leben lernen. Als kleines Dankeschön für deine Eintragung bekommst du kostenlos meine 10 Tipps zum Glücklich sein!

 

Torsten

Torsten

Je mehr wir über das Universum erfahren,
desto deutlicher erkennen wir, wie wenig wir wissen.
Aber wir sollten vor dem Entdecken der Welten, die uns erwarten
keine Barrieren aufbauen und dem unstillbaren menschlichen Drang,
alles wissen zu wollen, keine Beschränkungen auferlegen.
(keine Ahnung von wem)
Torsten

Kommentar verfassen