Tschernobyl-Tour 2.Teil: vom Reaktor nach Pripjat

Meine Tschernobyl-Tour sorgte für einige Fragen bei meinen Lesern. Vielen Dank für die Zuschriften dazu! Ich werde versuchen, soviel wie möglich davon bereits in meinem Text zu beantworten.

Im ersten Teil meiner Reportage zur Tschernobyl-Tour berichtete ich von der Anreise in das Sperrgebiet, einem kurzen Abstecher in die Stadt Tschernobyl und einem Besuch in einem Kindergarten. Doch damit war die Tour noch lange nicht zu Ende.

Tschernobyl-Tour: man glaubte an die Atomkraft

Auf der Weiterfahrt vom Kindergarten in Kopachi durch die Sperrzone hielt unser Bus an einem Wassergraben. Von diesem Punkt hatten wir einen (den einzigen?) Blick auf alle Reaktoren inklusive den unvollendeten Reaktoren #5 und #6, den unvollendeten Kühltürmen und natürlich dem Sarkophag des explodierten Reaktors #4.

Hier am Fotopunkt zeigten die Geigerzähler eine radioaktive Strahlung von 1,12 Mikrosievert an. Auch hier wieder das Phänomen, dass der Wert der Strahlung höher wurde, je weiter man sich von der Straße entfernte.

Kernenergie bringt Brot und Reichtum

Vom Erfolg der Kernenergie überzeugt, beschloss die damalige sowjetische Regierung den Bau weiterer Reaktoren, zugehöriger Kühltürme und weiterer Einrichtungen. Auch nach dem Unglück von Tschernobyl gab es weitere Überlegungen, die Atomkraft weiter zu nutzen. Nach der Katastrophe liefen die Reaktoren #1 und #2 bis 1993 weiter, der Reaktor #3 sogar bis Dezember 2000. Die noch im Bau befindlichen Reaktoren #5 und #6 blieben unvollendet.

Das Kernkraftwerk Tschernobyl wurde mit einer geplanten Nennleistung von fast 6.000 Megawatt konzipiert. Zwischen 1983 und 1986 erreichten die bisher errichteten Reaktoren 3.800 Megawatt. Das Kraftwerk hatte für die Energieversorgung der UdSSR und vor allem für deren Nachfolgestaat Ukraine eine sehr hohe energiepolitische Bedeutung. Die Ukraine leidet deshalb heute besonders an dem fehlenden Strom aus Tschernobyl. Das Kernkraftwerk lieferte ungefähr ein Sechstel des in der Ukraine erzeugten Atomstroms, was etwa 4–10 % der Gesamtstrommenge entsprach.

Über die Vor- und Nachteile der Kernenergie und deren Gefahren kann man sich vielfältig informieren, zum Beispiel hier. Mit der Erforschung und anfänglichen Nutzung der Atomenergie versprach man sich eine günstige und saubere Energiequelle. Überall auf der Welt wurden ab den 1950er Jahren Atomkraftwerke gebaut. So wurde auch die strukturschwache und ländliche Gegend in der Region Tschernobyl für den Bau von Atomreaktoren ausgewählt. Die Atomkraft brachte Arbeitsplätze und Wohlstand in die Region. Vor allem die heutige Geisterstadt Pripjat war trotz des jugendlichen Alters eine reiche Stadt.

Ein Kribbeln in der Magengegend: 270 Meter am Unglücksreaktor

Nach den Ausführungen des Guides und der Gelegenheit Fotos zu machen ging die Tschernobyl-Tour weiter. Nächster Stop war 270 Meter direkt vor dem Sarkophag des Reaktors #4! Dieser Bereich war kurz nach dem Zeitpunkt der Explosionen einer der am höchsten verstrahlten Orte! Hier in der unmittelbaren Umgebung wurden radioaktive Trümmer aus der Ruine geschleudert. Hier fuhren LKW und Maschinen vor, die die Arbeiter während der Lösch- und Aufräumarbeiten im Minutentakt austauschten. Auf ihren Fahrwegen zeichneten sie eine Spur aus radioaktiver Strahlung.

Man kann schon ein bisschen Kribbeln in der Magengegend bekommen. An dieser Stelle wäre fast die Welt untergegangen. Und nun steht man an der gleichen Stelle als Betrachter und Beobachter. Nachdem Ende Juli 2011 das Gebiet um das Kernkraftwerk endgültig für den Tourismus geöffnet wurde, steigt die Zahl der Besucher konstant an. Aktuell schätzt man pro Jahr ca. 1.000.000 Million Besucher. Das US-amerikanische Forbes Magazine bezeichnete Prypjat/Tschernobyl bereits als Reiseziel der Kategorie „world’s unique places to visit“ (weltweit einzigartige Orte für einen Besuch). Gut, es gibt Menschen, die legen sich zur Erholung zwei Wochen an den Strand von Mallorca, andere Menschen fahren nach Tschernobyl. Sicher hat jeder davon seine Beweggründe.

Dank umfangreicher Dekontaminierungsarbeiten und unter vielen Opfern konnte dieses Gebiet beräumt werden. Der Geigerzähler zeigte uns heute direkt vor dem Denkmal und dem Sarkophag 0,83 Mikrosievert an.

Eine Schutzhülle für den Reaktor

Der Reaktorblock #4 wurde direkt nach der Katastrophe mit mehr als 5.000 t Blei, Sand und Flüssigkeiten zugeschüttet. Anschliessend wurde ein Sarkophag aus Beton darüber errichtet, um den weiteren Austritt von radioaktiven Material zu verhindern. Diese Schutzhülle wurde in aller Eile gebaut. Es sind bauliche Mängel vorhanden und das Dach drohte bereits einzustürzen.

Deshalb beschloss man 2007 mit internationaler Hilfe den Bau einer neuen Schutzhülle. An den geplanten Kosten von circa 2 Milliarden Dollar beteiligen sich die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und die Geberländer, darunter auch Deutschland und die Ukraine. Ein gigantischer Koloss: 36.000 Tonnen schwer und damit dreimal so schwer wie der Eiffelturm, 257 Meter breit, 162 lang und 108 Meter hoch.

Unter zwei stählernen Hüllen soll eine Hightech-Maschine ihr Werk leisten. Computergesteuert sorgt sie für eine gleichbleibende Temperatur und einen ständigen Unterdruck unter den Hüllen. So soll verhindert werden, dass weitere Radioaktivität austritt. Sicher, bis wieder einmal ein menschlicher Fehler eine Katastrophe verursacht.

Der stählerne Sarkophag wurde erst im Januar 2017 über den älteren, bereits undichten Schutzmantel geschoben. Dabei wurde die in Nachbarschaft des Reaktor #4 erbaute Schutzhülle auf Schienen über den alten Sarkophag geschoben. Bis Ende 2017 sollen die Restarbeiten zur Versiegelung erfolgen. Dann sollen ferngesteuerte Kräne im Inneren mit dem Abbau und der Entsorgung der Ruine beginnen.

Dazu entstehen bereits Anlagen zur Bearbeitung der radioaktiven Abfälle neben dem Reaktor. Wohin dann allerdings der radioaktive Abfall entsorgt und sicher gelagert werden soll – dazu findet sich im Internet noch kein Hinweis. Der neue Sarkophag soll Sicherheit für einhundert Jahre bieten. Bis dahin muss man sich etwas neues einfallen lassen!

Die Dramatik der Unfallnacht …

An dieser Stelle wird dem Betrachter die ganze Dramatik der Reaktorkatastrophe bewusst. Auch das die Auswirkungen schlimmer hätten werden können, als es letztendlich kam. Nach der ersten Explosion brannte der Reaktor und der Reaktorkern wurde zerstört. Die nachfolgende zweite Explosion schleuderte brennendes Graphit, nukleares Brennmaterial und radioaktive Trümmerteile in die Luft. Innerhalb des Reaktors setzte das brennende Graphit über dreißig andere Feuer in Brand. Die brennenden Teile setzen auch den Reaktor #3 in Brand.

Die ersten, die am Unglücksort ankamen, waren die Feuerwehrleute der Betriebsfeuerwehr. Fünf Stunden später waren alle Feuer bis auf jenes innerhalb des Reaktors #4 gelöscht. Der Kampf gegen diese Feuer dauerte ganze neun Tage! Die Helden der ersten Stunde erlebten diesen Sieg nicht mehr. In Unkenntnis der Gefährlichkeit der radioaktiven Strahlung versuchten die Männer das Feuer zu löschen. In normalen Stoffuniformen, teils mit nackten Händen oder nur in Unterwäsche! Ein Augenzeugenbericht schildert die Dramatik dieser Stunden:

„Viktor Birkun, wearing only a cotton uniform, drove his fire engine over the roof of reactor 4, which was now lying on the ground, 15 meters away from the reactor. Most firefighters found that their gloves were clumsy and uncomfortable, so using only his bare hands, Birkun lowered the siphon of the fire engine into the nearby cooling pond to suck up water for his fire fighting comrades and in within a matter of minutes he began to feel the attack of radiation on his body. He starded vomiting every 30 seconds, became dizzy and weak and after two hours he could no longer stand up straight, having received 260 ber (biological equivalents of roentgen),  which is equivalent to 1000 years of background radiation. Some of the firefighters recieved approximately 700 roentgen in 12 hours.“

– es hätte schlimmer kommen können

Diese Männer gaben ihr Leben, um die Welt zu retten! Hätte das Feuer nicht gelöscht werden können, hätte es weitere und größere Explosionen gegeben. Mit dem Granit verschmolzene Reaktorteile und Brennmaterial wäre bis nach Mittel- und in Westeuropa geschleudert. Eine Sperrzone hätte für halb Europa ausgerufen werden müssen. Diesen Helden wurde nicht zu Unrecht das Denkmal To Those Who Saved the World errichtet!

 

 

Weiter geht die Tschernobyl-Tour durch das Gebiet des sogenannten Red Forest. Dieser bewaldete Bereich in der Nähe des Kraftwerkes bekam den höchsten Teil der Radioaktivität ab. Innerhalb weniger Tage waren alle Bäume abgestorben und standen nur noch als rotbraune Pfähle herum. Von dieser Farbe hat auch der Wald seinen Namen erhalten. Nach den mittlerweile mehr als dreißig Jahren nach der Katastrophe ist auch dieses Gebiet wieder mit jungen Bäumen aus Naturverjüngung bewaldet. Ein Betreten dieses Bereiches ist aber weiterhin nicht zu empfehlen. Auch heute noch besteht hier eine hohe Radioaktivität und eine große Menge an hot spots.

Die Geisterstadt Pripjat

Jetzt kam für mich der spannendste Teil meiner Tschernobyl-Tour. Das nächste Ziel war die Geisterstadt Pripjat. Während die Stadt Tschernobyl und das Kernkraftwerk Tschernobyl ausser dem Namen nichts gemein haben, war das Kernkraftwerk der Grund für die Gründung der Stadt Pripjat im Jahr 1970.

 

 

Das Ortseingangsschild ist der erste reale Kontakt mit dieser jungen Stadt. In den sechzehn Jahren ihres Lebens entwickelte sie sich rasant. Die Infrastruktur der Stadt hatte alles, was man sich wünschen konnte. Zwei Stadien, eine Schwimmhalle, Restaurants, Kaufhäuser, Krankenhäuser, einen Kulturpalast. Am 01. Mai 1986 sollte sogar ein Vergnügungspark eröffnet werden. Pripjat war eine junge Stadt, auch der Einwohner wegen. Viele junge Familien zogen hierher, um im vier Kilometer entfernten Kraftwerk oder im Dienstleistungssektor der Stadt zu arbeiten. Das Kraftwerk ernährte die Stadt und liess diese wachsen. Zum Zeitpunkt der Nuklearexplosion lebten hier bereits fast 50.000 Menschen.
Unser Bus fuhr die ehemalige Leninstraße entlang, um in das Zentrum von Pripjat zu gelangen. Die Leninstraße war vor der Katastrophe eine der wichtigen Hauptzufahrtsstraßen in die Stadt. Zwei breite Fahrspuren für jede Richtung hatte sie. Heute kann nur noch ein Bus diese Straße passieren. Hoffentlich haben wir keinen Gegenverkehr. Die Natur holt sich diese Stadt zurück.

 

 

Am Zentralplatz der Stadt hielt unser Bus und wir erkundeten zu Fuß das Stadtzentrum. Am Zentralplatz stehen ein paar der bekanntesten Gebäude, wie der Kulturpalast, ein Einkaufszentrum, Restaurants und Cafes.

 

 

Der morbide Charme der leerstehenden Gebäude kontrastiert mit dem Maigrün der Bäume, Büsche und Pflanzen. Überall herrscht Frühling. Sträucher blühen, Insekten fliegen umher und Vögel singen wieder. Dazu diese Stille der verlassenen Stadt. Kein Stadtlärm, kein Verkehrslärm, kein Lachen von Menschen durchbricht diese Stille. Nur unsere Anwesenheit und unsere Schritte stören dieses Ambiente. Die Natur kehrt zurück, wenn der Mensch geht.

 

Fahrgeschäfte, mit denen niemand mehr fährt

Weiter führt unser Weg Richtung Vergnügungspark. Vielen wird das rostige Riesenrad mit den knallgelben Gondeln bereits im Internet begegnet sein. Der Vergnügungspark sollte zum 1. Mai 1986 feierlich eröffnet werden. Alles war für die Eröffnung bereits vorbereitet. Wenige Tage vorher explodierte jedoch der Reaktor #4 des nahe gelegenen Atomkraftwerkes. Die Fahrgeschäfte des Vergnügungsparks sind ausser zu einigen Testfahrten nie in Betrieb gewesen. Und sie werden auch nie in Betrieb gehen. Wie lange werden sie der Natur noch widerstehen können?

 

Ich kann mich gar nicht satt sehen an den Möglichkeiten hier Fotos zu machen. Jedoch zeigt der Geigerzähler auch hier an einzelnen Punkten eine höhere Radioaktivität als an den begangenen Touristenrouten. Das zeigt sich gerade an feuchteren Stellen am Boden, die mit Sand gefüllt oder mit Moos bewachsen sind. Man sollte also aufpassen, wohin man seine Schritte setzt. Diese Regel gilt übrigens für die gesamte Sperrzone, nicht nur in Pripjat. Auch Hinknien oder gar Hinlegen zum Fotografieren aus einer anderen Perspektive ist nicht ratsam. Fotografieren mit dem Stativ würde Sinn machen – ich habe mir dazu extra Schutzanzüge für die Stativbeine gebastelt – ist aber aus Gründen der Durchgangszeit unserer Gruppe leider nicht machbar. Also alle Fotos frei Hand fotografieren! Für rein fotografisch interessierte lohnt es sich wirklich eher eine extra Fototour zu buchen. Gern auch mehrtägig.

 

Trotz Radioaktivität – das Leben findet einen Weg

Mitten durch das Stadtzentrum von Pripjat gehen wir vom Vergnügungspark Richtung Stadion. Auch hier wieder diese Beobachtung: Geht der Mensch, kehrt die Natur zurück. Ich bin beeindruckt! Und sprachlos zugleich.
Das Stadion Avangard war das Heimstadion des FC Stroitel Pripyat. Aber nicht nur Fußballspiele fanden hier statt. Wie in vielen Stadien gab es auch hier vielfältige Möglichkeiten Sport zu treiben oder Sportveranstaltungen zu besuchen.

 

Schaut man sich die Stadt Pripjat und den heutigen Zustand der Gebäude an, so bekommt man für den Begriff der Apokalypse eine ganz andere Beziehung. Es bedarf keiner grossen Vorstellungskraft sich hier inmitten dieser Geisterstadt als letzter Teil der Menschheit zu fühlen. Beeindruckend!
Vom Stadion ging es durch die Stadt vorbei an fast zugewachsenen Plattenbauten zurück zum Bus.

 

 

Obwohl ich nur einen Tag in der Sperrzone war, gibt es sehr vieles zu berichten, zu schreiben und zu sehen. Es würde den Rahmen meiner Webseite und den Rahmen meiner Zeit sprengen, würde ich alles auf einmal aufschreiben.
Ich wollte dem Ausflug nach Tschernobyl eigentlich nur einem Beitrag widmen. Doch während ich meine Erlebnisse und Eindrücke hier niederschreibe, bin ich bereits beim zweiten Beitrag zu diesem Thema. Dieser wird auch nicht der letzte sein, denn unsere Tour geht noch weiter. Für heute soll es aber erst einmal genug sein. Zu lange Beiträge liest fast niemand. Also schaut wieder rein und abonniert meinen Newsletter, damit ihr keinen Beitrag verpasst.
Torsten

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Hallo,ich bin Torsten. Das Leben machte mich zum Optimisten mit Lebenserfahrung, Abenteurer, Naturschützer, Forstarbeiter, Logistiker, Journalist, Eurovisionär, Sammler, Schriftsteller, Künstler …
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