Tschernobyl – ein Mahnmal für die Menschheit

Ein Mahnmal für die Menschheit sollte in dieser Region Tschernobyl stehen. In gewisser Weise ist sogar die gesamte Region ein Mahnmal. Ein Mahnmal für die Menschheit! Diese Region kann und sollte ein Mahnmal sein!

Tschernobyl - Mahnmal für die Menschheit

Der GAU von Tschernobyl und seine Folgen

Am 26. April 1986 explodierte der Reaktor 4 des Atomkraftwerkes Tschernobyl. Radioaktives Material und Trümmer wurden aus dem Reaktor in die nähere Umgebung geschleudert. Eine Wolke aus Radioaktivität legte sich über Europa. Bei der Explosion starben zwei Kraftwerksmitarbeiter. In den folgenden Wochen starben achtundzwanzig weitere Arbeiter und Feuerwehrleute an der akuten Strahlenkrankheit. Wie viele Menschen weiter an den Folgen der radioaktiven Strahlung bis heute starben und immer noch sterben, kann niemand seriös belegen.

Im Umkreis von dreißig Kilometern um das Atomkraftwerk wurde seitens der damaligen sowjetischen Regierung eine Sperrzone errichtet. Die Einwohner der Städte und Dörfer in dieser Zone wurden evakuiert. Teilweise konnten sie nur die nötigsten Dinge mitnehmen. Kaum einer von ihnen ist wieder in seine Heimat zurückgekehrt. Seit 1986 lebt kein Mensch mehr legal in dieser Zone. Die wenigen Menschen, die hier ständig leben, halten sich illegal geduldet auf. Die Arbeiter und Soldaten, die man hier antrifft, sind Anwesende auf Zeit.

Über den Hergang des GAU in Tschernobyl und die Folgen der Nuklearexplosion wurde bereits viel geschrieben. Daher möchte ich in diesem Beitrag auch nicht mehr weiter auf diese Geschehnisse eingehen. Vielmehr möchte ich mich auf meine Eindrücke konzentrieren, die ich beim Besuch in dieser Region hatte.

Welche Erinnerungen verbinde ich mit Tschernobyl?

Seit einigen Jahre ist es wieder möglich das Gebiet um Tschernobyl als Tourist zu besuchen. Aufgrund des Eurovision Song Contests waren wir 2017 in Kiew zu Gast. Darum nutzten wir die Gelegenheit und buchten bereits von Deutschland aus diese Tour. 1986 war ich fünfzehn Jahre alt und besuchte die 9. Klasse. An den Reaktorunfall von Tschernobyl habe ich keine Erinnerung mehr. Ich kann nicht sagen, ob uns als Kindern der Aufenthalt im Freien verboten war. Oder ob es in der DDR plötzlich mehr Obst und Gemüse gab. Aus heutiger Sicht lief mein Leben für mich damals wie gewöhnlich ab. Auch wenn ich jetzt beim Schreiben an damals zurück denke, mir fallen keine Erinnerungen dazu ein.

Was also reizte mich an Tschernobyl? Nach Buchung der Tour begann ich mich genauer zu informieren. Was kommt da auf mich zu? Warum sollte ich mir Tschernobyl anschauen? Egal wohin es geht: im Vorfeld versuche ich mich auf den jeweiligen Ort einzustimmen und Informationen zu sammeln. Schnell stieß ich im Internet auf viele Fotografien von Lost Places aus dieser Region. Gleichzeitig erfuhr ich viel über die Explosion in Tschernobyl, über Radioaktivität und deren Folgen. Mein Bauchgefühl fing an, sich zu melden. Ich widmete mich weiteren aktuellen Erfahrungsberichten von Menschen, die in den letzten Jahren bereits solch eine Tour unternommen haben.

Mein Bauchgefühl beruhigte sich. Meiner Meinung nach ist eine gute Information ein guter Weg, um sich auf ein Vorhaben – egal welcher Art – vorzubereiten. Dabei lernt man Risiken kennen und kann sie einschätzen. Es ist schon makaber: man besichtigt den Ort einer der größten Katastrophen der Menschheit und fotografiert das, was übrig bleibt. Aber letztendlich war es das, was mich antrieb, diese Region zu besuchen. Ich wollte Fotos machen! Fotos von einem Ort, an dem nicht jeder Fotos macht. Ich wollte einen Teil zu einer Dokumentation leisten. Ich wollte zeigen, was Fehler von Menschen anrichten können.

Die Tour nach Tschernobyl beginnt

Die gebuchte Tour war eine Tagestour. Aufgrund der knappen Zeit während des Eurovision Song Contest haben wir uns nur für den einen Tag entschieden. Abfahrt 7:30 Uhr ab Kiew mit einem Bus des Veranstalters, Rückkehr gegen 18:30 Uhr. Hatte ich nach Buchung der Tour damit gerechnet, daß unsere Gruppe gar nicht voll würden, zeigte sich beim Treffen am Abfahrtsplatz das Gegenteil. Im Endeffekt waren es fünf Busse vom Touranbieter, die mit uns in die Sperrzone fuhren. Wer hätte gedacht, daß Tschernobyl so ein gefragtes Ziel ist? Ich befürchtete schon, daß nun alle fünf Busse gemeinsam auf Tour gehen würden und dementsprechend die besuchten Orte total überlaufen sein werden.

Mit etwas Verspätung fuhren wir endlich ab. Während der Fahrzeit konnten wir einen Film sehen, der auf die Ereignisse der Unfallnacht, die Tage danach und die Geschichte bis heute einging. Der Film endete mit dem Bau des neuen Sarkophags, der im Januar 2017 über den schon undichten ersten Sarkophag gefahren wurde. Nach ca 1,5 Stunden Fahrzeit legten wir eine kurze Rast an einer modernen Tankstelle ein. Eine letzte Gelegenheit, noch einmal moderne Infrastruktur zu nutzen, ein paar Getränke oder Snacks zu besorgen. Eine weitere Stunde später waren wir am ersten Ziel, dem Checkpoint Dytyatky.

Bereits während der Hinfahrt wurden wir im Bus auf das richtige Verhalten in der Sperrzone hingewiesen. Am Checkpoint angekommen, fühlte man sich schon wie ein bisschen an einer Ländergrenze. Schon bei der Buchung wurde die Nummer unseres Reisepasses abgefragt. Ohne Reisepass kein Zutritt in die Zone! Penibel wurden die Nummern der Reisepässe mit einer Liste abgeglichen. Mit einer bestimmmenden Handbewegung wurde dann vom Kontrolleur der Weg in den Bus freigegeben. Hier geht das Leben noch seinen sozialistischen Gang!

Die Schranke des Checkpoints ging erst auf, nachdem alles geprüft wurde und seine Richtigkeit hatte. Der Tross der Busse löste sich auf. Anscheinend hatten sich die einzelnen Tourguides untereinander abgesprochen. So wurde glücklicherweise der befürchtete Touristenstau vermieden. Unser Tourguide erzählte während der Fahrt einiges über Land, Leute und natürlich dem GAU.

Ankunft in der Zone und in Tschernobyl

Die Fahrt führte uns vom Checkpoint die Hauptverkehrsstraße entlang Richtung der Stadt Tschernobyl. Über eine Brücke wurde der große Fluss Prypjat überquert. Laut Guide war dieser Bereich des Flusses vor der Katastrophe gern und viel touristisch genutzt. Sandstrände luden zum Sonnen und Baden ein. Man konnte hier schwimmen, fischen oder Boot fahren. Heute sind die Strände verwaist, zugewachsen und die Natur eroberte sich die Landschaft zurück. Ein beeindruckendes Paradies. Diesen Eindruck hatte ich öfters während der gesamten Tour. Geht der Mensch, kehrt die Natur zurück!

Tschernobyl - Mahnmal für die Menschheit

Erster Stop war die Stadt Tschernobyl. In der Stadt wurden viele Gebäude renoviert und dienen heute als Unterkunft für Arbeiter und Ingenieure, Soldaten, Polizisten und Feuerwehrleute. Diese wohnen jedoch nicht ständig hier. In Tschernobyl ist weiterhin immer noch der Sitz der regionalen Verwaltung. Hier müssen sich die Gruppen noch einmal melden und bekommen die Verhaltensvorschriften noch einmal vorgestellt. Da wir diese jedoch schon während der Fahrt kennengelernt hatten (und auch dafür unterschreiben mussten), blieb uns diese Maßnahme erspart. Unser Guide meldete uns nur noch bei der Verwaltung an. Die Gruppe besichtigte derweil die malerische St.-Elija-Kirche des Ortes.

Jedoch die Rundfahrt durch Tschernobyl und das Bild der Kirche passte nicht wirklich zu dem, was ich mir von der Sperrzone vorgestellt habe. Auch nicht zu dem, was man im Internet sehen kann. Aber die Fahrt ging ja noch weiter. Die Geigerzähler zeigten eine Strahlung um die 0,11 – 0,18 Mikrosievert an.

Ist die Radioaktivität gefährlich für die Besucher?

Wir passierten den Checkpoint Leliv, wo uns nach Anmeldung ein Soldat die Schranke öffnete. Nächster Halt war am Kindergarten des Dorfes Kopachi. Hier zeigte uns unser Guide, wie unterschiedlich die Radioaktivität im Gebiet verteilt ist. Am Halteplatz des Busses vor dem Kindergarten zeigte der Geigerzähler 0,20 Mirkosievert an. Einen Schritt weiter, rechts neben dem Weg zum Eingang in Bodennähe, waren es bereits 3,95 Mikrosievert.

Tschernobyl - Mahnmal für die Menschheit

 

Tschernobyl - Mahnmal für die Menschheit

An sogenannten Hot Spots ist dieser Wert noch etliches höher. Darin liegt das Risiko und die Gefahr. Radioaktivität sieht man nicht, man fühlt sie nicht, man hört und riecht sie nicht. Messbar ist sie mit einem Geigerzähler, dessen Geräusche wohl jeder aus dem Schulunterricht kennt. Die Aufenthaltsdauer in Nähe der Strahlung richtet sich nach der Menge der Strahlung und der Art des Materials. Die Menschen, die nach der Explosion die strahlenden Reaktortrümmer in den Krater zurück brachten, konnten nur wenige Sekunden an diesem Ort bleiben.

Ein Tschernobyltourist nimmt – beachtet er die Verhaltensvorschriften und die Anweisungen der Guides – während einer Tour weniger als die Menge der Strahlung eines Atlantikfluges auf. Gefährlich wird es erst, wenn man sich den Hot Spots nähert und sich so höheren Strahlungswerten aussetzt.

Besuch eines verlassenen Kindergartens

Den Kindergarten kann man besichtigen. Im Internet findet man von ihm dutzende Fotos. Viele von diesen Fotos sind offensichtlich dramatisch durch Fotografen inszeniert worden. Leider halten sich viele Fotografen nicht an den Lost-Places-Kodex. So fotografierte ich den aktuellen Zustand unter diesem Wissen.

Als es schließlich 36 Stunden nach der Explosion zur Evakuierung der Stadt Prypjat und der umliegenden Dörfer kam, blieb den Bewohnern nicht viel Zeit zum Packen. Es konnte nur das Nötigste mitgenommen werden. Vieles blieb in den Häusern stehen und liegen. Plünderer und die Zeit vernichten die letzten übriggebliebenen Reste. So findet man auch hier im Kindergarten immer mehr Verfall und Schutt. Aufgrund der Verstrahlung der Gegenstände sollte man hier nichts anfassen oder gar mitnehmen.

Weiter ging die Tour dann Richtung Reaktor 4. Unterwegs hielten wir an einem Wassergraben an. Dessen Wasser diente ursprünglich dem Kühlen der Reaktoren. Durch die Abwärme konnten hier sogar Welse gezüchtet werden. Von diesem Haltepunkt aus kann man alle Reaktoren von Tschernobyl und auch den Sarkophag von Reaktor 4 betrachten. Davon berichte ich im zweiten Teil meiner Tschernobyl-Reportage.

 

Hallo, ich bin Torsten. Das Leben machte mich zum Optimisten mit Lebenserfahrung, Abenteurer, Naturschützer, Forstarbeiter, Logistiker, Journalist, Eurovisionär, Sammler, Schriftsteller, Künstler …

8 Replies to “Tschernobyl – ein Mahnmal für die Menschheit”

  1. Wuah, also gleich das allererste Foto jagt mir bereits einen Schauer den Rücken runter. Ich war damals 14 als das Unglück passiert ist, so wirklich erinnern kann ich mich aber nicht mehr daran. In dem Alter hat man wohl einfach andere Dinge im Kopf. Lost Places im allgemeinen finde ich super spannend , in den USA und auch Island hab ich einige bereits besucht. Ob ich Tschernobyl jetzt unbedingt mal besuchen würde weiss ich ehrlich gesagt gar nicht so genau … die Bilder sind schon recht abschreckend finde ich. Ist natürlich immer rein subjektiv so etwas. Danke jedenfalls für den Bilder und die Geschichte dazu … klingt sehr interessant alles.

    1. Vielen Dank Andreas!

      Ich gebe ausdrücklich nicht keine oder eine Empfehlung für einen Besuch ab. Das sollte jeder für sich selbst ausmachen. Wie das gesamte Leben, so ist auch Tschernobyl nicht ohne Risiko.

      Ich war nur im Rahmen einer Tagestour dort. Für das Fotografieren hätte ich mir mehr Zeit gewünscht.

      Beste Grüsse Torsten

  2. Ich finde die Bilder des Kindergartens wirklich schaurig, auch wenn einiges wohl inszeniert ist, sind die alten Puppen in dieser Kulisse nichts für schwache Nerven.
    Ich finde es unglaublich spannend, dass man Tschernobyl besuchen kann und überlege auch schon seit einer Weile, mal so eine Tour mitzumachen.
    Würdest du das empfehlen, oder eher nicht?

    Liebe Grüße aus Singapur!
    Michelle | The Road Most Traveled

    1. Hallo Michelle … danke für deinen Kommentar! Es ist schon ein eigenartiges Gefühl dorthin zu kommen. Aber ich persönlich finde es schon wichtig, dass wenigstens darüber berichtet wird. Auf alle Fälle ist es erlebenswert (Das kommt natürlich darauf an, was du als erlebenswert betrachtest). Eine oder keine Empfehlung spreche ich nicht aus, es gibt auch dort noch gefährliche Punkte und allein würde ich nicht in die Zone gehen. Bei der geführten Tour habe ich mich sicher gefühlt, würde dann aber dazu raten, eine Mehrtagestour zu buchen.

      Beste Grüsse

      Torsten

  3. Ich habe mal gehört, daß dort im Gebiet vieles gestellt und extra für die Touristen und Fotografen arrangiert worden sein soll, um möglichst gute Motive zu bieten. Hattest Du den Eindruck, daß das stimmt oder kam es eher natürlich/realistisch rüber?

    1. Hallo Daniel, natürlich wurde vieles aufgeräumt, dekontaminiert und versiegelt. Was du wohl ansprichst, sind die vielen arrangierten Fotos, die man im Internet zu sehen bekommt. Ich denke, vieles davon ist von den Fotografen selbst arrangiert und komponiert. Andererseits sind die Bewohner natürlich innerhalb weniger Stunden / Tage in Hau-Ruck-Aktionen evakuiert worden. Damals hatte man denen gesagt, dass sie nach kurzer Zeit wieder zurückkommen würden. Da haben die Menschen natürlich nur das Nötigste mitgenommen.

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