Letzte Aktualisierung am 5. Oktober 2020

Am heutigen Tag der deutschen Einheit ruht auch in Waldesruh die Arbeit. Auf dem Festplatz hat ein kleiner Rummel seine Buden und Fahrgeschäfte aufgebaut und es findet das gesamte Wochenende ein kleines buntes Programm statt. Am 03. Oktober 1990 trat die DDR dem Geltungsbereich des Grundgesetzes bei. Somit war – zumindest formell – die Einheit Deutschlands in diesen Teilen 45 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wieder hergestellt.

Wieder einmal Tag der deutschen Einheit in Waldesruh

Der Waldesruher Tagesbote geht auf Spurensuche.

Mit der Grenzöffnung, die übrigens in Waldesruh eine Woche später stattfand, wurde es für die Waldesruher wieder möglich mit der Nachbargemeinde Wilhelmsbrunn in Kontakt zu treten. Beziehungen, die die Grenze unterbrochen hatte, wurden wiederaufgenommen. Mit einem großen Fest wurde die Öffnung der Grenze gefeiert. Schon vor der offiziellen Einheit wurde über eine gemeinsame Entwicklung diskutiert. Mit dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereichs de Grundgesetzes erhielt dann die gemeinsame Entwicklung auch ihren politischen und rechtlichen Rahmen. Doch schon damals zeichnete sich ab, dass sich in Waldesruh mehr ändern würde als in Wilhelmsbrunn.

“Die Wilhelmsbrunner lebten doch schon 40 Jahre lang unter den Bedingungen der Marktwirtschaft.” stellte Egon Schulze als Ortsvorsteher von Waldesruh fest. “Die Wessis – ich nenne sie jetzt mal so – brauchten sich ja gar nicht zu ändern. Für uns brach hingegen fast über Nacht unsere Welt zusammen.” 

Obwohl sich fast noch nie in der Geschichte jemand groß um Waldesruh gekümmert hat, die deutsche Einheit brachte viele Einschnitte mit. “Bei uns wurde die Kaufhalle geschlossen, die Kindereinrichtungen und auch der Arzt zog weg. Wir waren quasi wieder da, wo wir vor der Kaiserzeit waren. Aber wir haben es geschafft. Unser Lebensstandard ist fast wieder auf den Niveau wie vor der Einheit. Wir haben wieder unsere Kaufhalle, Schule und Kindergarten und mit Frau Dr. Bendig auch eine kompetente Ärztin im Ort. Die Frau Doktor kommt übrigens aus dem Westen und hat sich hier niedergelassen.” so Egon Schulze weiter.

Eigeninitiative und Unterstützung durch die Nachbarn

Dabei hatte Waldesruh zweifelsohne auch die Unterstützung der Wilhemsbrunner. Vieles jedoch wurde in Eigeninitiative geschaffen und für vieles musste der Anstoß auch aus Waldesruh kommen. So gibt es seit einigen Jahren ein integriertes Verkehrskonzept mit den Nachbargemeinden. Solch ein Schritt steht übrigens in anderen Teilen des Harzes immer noch aus und wird vielfach weg diskutiert.

“Wir sind aber nicht betrübt oder gar böse über die Einheit. Die deutsche Einheit brachte uns auch viele Chancen. Diese Chancen mussten wir aber nutzen, denn von allein tut sich hier nicht und es kommt auch keiner, der für uns unsere Arbeit macht. Also ist es auch für uns ein Tag zum Feiern. Wir feiern uns, unsere Nachbarn und Freunde und sind stolz auf das, was wir zusammen erreicht haben!”

Ein Grund zum Feiern ist der Tag der deutschen Einheit

Für die Waldesruher ist dieser Tag also auch ein Grund, um wieder ein kleines Fest zu gestalten. “Dieser Jahrestag -egal ob rund oder nicht – kann auch in Waldesruh gefeiert werden!” stellt Egon Schulze, Ortsvorsteher des kleinen Ortes, fest. Seine Sekretärin, Fräulein Krause (auch verantwortlich für das Tourismusgeschäft des Ortes) fällt ihm sofort ins Wort: “Wir haben rund um unseren Rathausplatz vielfältige Aktivitäten vorbereitet. Es gibt eine Musikbühne, auf dem der beliebte Heini & sein Schifferklavier lustige Schlager zum Mittanzen darbieten wird. Der Bärenwirt ist mit einem Stand regionaler kulinarischer Köstlichkeiten vertreten. Auch eine original DDR-Bockwurst hat er im Angebot. Der Nationalpark und die Nachbargemeinden stellen sich jeweils in einem Pavillon vor. Für die Kinder gibt es Bastel- und Spielmöglichkeiten.”

Auf die Frage, ob sich das Leben in Waldesruh mit der Einheit geändert hat, antwortet Egon Schulze fast salomonisch. “Wissen Sie, das Leben ändert sich ständig. Auch für uns. Egal wer an der Regierung ist. In den letzten 30 Jahren hat sich kaum einer der Offiziellen hier einmal sehen lassen. Nur einmal sind die vom Land hier zu uns gekommen. Das war bei der Eröffnung der Durchgangsstraße. Die haben eine kleine Rede gehalten und das rote Band durchgeschnitten. Dann haben die die Schnittchen vom Bärenwirt gegessen und sind wieder gefahren. Die ganze Arbeit vorher und hinterher hatten wir hier.”

“Der Egon hat nicht ganz unrecht”, wirft Fräulein Krause ein, “alles was der Urlauber hier in Waldesruh heute findet, ist in Eigeninitiative seitens der Waldesruher entstanden. Hätten wir uns nur auf die Regierungen verlassen, würden wir heute noch das Wasser vom Brunnen holen. Ab und zu gab es zwar einige Fördermittel, aber das war es auch schon.”

Aber die Einheit hatte nach Egon Schulzes auch gute Seiten. So ist Waldesruh wieder in das Zentrum von Deutschland gerückt. “Seit drei Jahren sind wir auch überregional wieder bekannt. Zwar gelten wir bei vielen noch als Geheimtip, aber die Besucherzahlen entwickeln sich positiv. Und natürlich können nun auch die Menschen aus Westdeutschland zu uns kommen und Urlaub in ursprünglicher Natur und bei freundlichen Menschen verbringen.” freut sich Fräulein Krause.

So wird also auch in Waldesruh der Tag der deutschen Einheit gefeiert. Beim Bärenwirt findet ein großer Frühschoppen mit allerhand kulinarischen Köstlichkeiten statt. Begleitet wird der Frühshoppen von Livemusik. Im DDR-Museum öffnet die Ausstellung „Waldesruh früher und heute“. Der Höhepunkt wird das Pflanzen des diesjährigen Nachbarschaftsbaumes sein. An der ehemaligen Grenze entsteht so seit 26 Jahren bereits eine kleine Einheitsallee als Zeichen des Miteinanders am Tag der deutschen Einheit.

Was sagen die Waldesruher dazu?

Unser Reporter Edgar Ente hörte sich im Ort um, was die Waldesruher an diesem gesamtdeutschen Feiertag empfinden:

Ortsvorsteher Egon Schulze“Würden sich die Politiker von heute einmal unter das Volk mischen, würden sie hören, wie es dem einfachen Leuten heute geht.   Vor 25 Jahren sind wir auf die Straßen gegangen um zu demonstrieren und heute?”

Bauer Raffke“Ich weiß gar nicht, wieso alle Leute nur rumjammern. Wer etwas drauf hat, der kommt heute zu Geld. Mir geht es besser als damals!”

Kevin und Jakkeline“Also ich bin schon ein bisschen betrübt, dass ich hier in meiner Heimat und bei meiner Familie keine Arbeitsstelle finden konnte. Und ich freue mich jedesmal wenn ich wieder nach Hause komme. (Kevin) Ich weiß gar nicht, was du hast, heute kann man so viele schöne Sachen kaufen, bunte Kleider, tollen Schmuck und man kann überall hinfahren – nach Nizza, nach Monaco oder nach Ägypten. Man braucht nicht mehr mit dem Zug an die Ostsee reisen. (Jakkeline)

Bauer Heinrich“Nu ham wa nich ma eene Koofhalle hier in Waldesruh. Jott sei dank ist Doktor Bendich herjezochen. Sonst mussten we och noch mit de Zuch  weider inne Stadt zum Doktor fahre.” (Wir haben hier nicht mal mehr eine Kaufhalle in Waldesruh. Zum Glück ist Dr. Bendig hergezogen, so dass wir nicht mehr mit dem Zug in die Kreisstadt zum Arzt fahren müssen.)

Oskar L., Urlauber aus dem Saarland: “Also ich finde das schön, dass man jetzt auch in die ehemalige DDR zum Urlaub machen reisen kann!”

Tante Rukolla“Es ist, wie es ist. Alles entwickelt sich. Wir mussten unter dem Kaiser sehen, wie wir klar kommen, unter den Nazis und auch zu DDR-Zeiten. Immer hat es geklappt. Wir werden auch mit den heutigen Problemen fertig.”

Angela M, Urlauberin aus Berlin (Ost): “Beeindruckend, wie die Leute hier in Waldesruh in diesen schnelllebigen Zeiten ihre Geschichte und ihre Identität bewahren konnten. Ich hoffe, ich kann dies auch in 25 Jahren auch noch sagen!”

Diese nicht repräsentative Umfrage spiegelt ein wenig die Stimmung hier vor Ort wieder. Sei es wie es sei. Heute ist ein Feiertag und in Waldesruh geht das Leben weiter seinen Gang. Auf dem Festplatz wird zusammen gefeiert, gesungen, getanzt und gelacht – egal ob Ost oder West!