30 Jahre nach dem Mauerfall sollte es wohl an der Zeit sein, dass man die Vergangenheit ruhen lässt. Trotzdem sind es Erinnerungen, die sich in unser Gedächtnis eingegraben haben und durch diverse Auslöser wieder an die Oberfläche kommen. Erinnerungen halten sich an keine Zeitengrenze. Allerdings verblassen sie und werden mit der Zeit weichgespült. Dennoch geben viele heute noch lebende Menschen ihre Erinnerungen als Zeitzeugen an jüngere Generationen wieder. Und das finde ich richtig gut! Denn ich denke, wir sollten viel mehr und intensiver darüber reden.

Jammerossi oder Besserwessi - mein Leben 30 Jahre nach dem Mauerfall - ein einsamer Trabant fährt auf einer Landstraße

Der Zeitzeuge ist der beste Freund und schlimmste Feind des Historikers

Auch auf meinem Blog finden sich einige solcher Zeitzeugenberichte aus meinem Leben. Natürlich beruhen alle davon auf persönlichen Erlebnissen. Diese sind teilweise so frisch, weil ich live dabei von diesem Ereignis gebloggt habe, wie beim Eurovision Song Contest zum Beispiel. Andere sind mir gut in Erinnerung, da sie sich tief in mein Gedächtnis eingegraben haben. Wieder andere werden durch Fotos, Tagebucheinträgen oder aufgehobenen Dingen aufgefrischt. Mir ist bewusst, dass meine Sicht der Dinge nicht die allgemeine Wahrheit ist. Dennoch habe ich diese Momente persönlich so erlebt und empfunden.

Ein Blog lebt unter anderem ja auch von diesen persönlichen Geschichten. Ich selbst lese gern Blogs, die neben ihrem eigentlichen Themen auch ab und an solche persönlichen Aspekte mit verarbeiten. Blogs von Influencern mit diversen und austauschbaren Werbebeiträgen, reinen Rezeptbüchern oder Produkttestseiten gibt es genügend. Blogperlen mit einer persönlichen Note eher seltener.

Jahrestage sind dazu immer wieder eine gute Gelegenheit, Zeitzeugenberichte zu veröffentlichen. Auch aktuell zum Jahrestag 30 Jahre nach dem Mauerfall. Ein beeindruckendes Geständnis lieferte mir kürzlich mein Schwiegervater (ein geborener Wessi): Er könne nun, nachdem in Funk, Fernsehen und in Zeitschriften vieles über die Zeit der Wende berichtet wurde, auch viele meiner Meinungen und Äusserungen nachvollziehen und verstehen. Genau auch deshalb versuche ich meine Erlebnisse auch anderen zugänglich zu machen. Vielfach wird ja zum Beispiel die Zeit der DDR auf Stasi, Mangel und Maueropfer reduziert. Sicher, es gab eine Stasi, es gab den Mangel und Opfer an der Mauer ebenfalls. Aber das macht nicht die ganze DDR aus und gibt auch nicht das Bild des Lebens wieder, was ich (und andere) in der DDR hatten.

30 Jahre nach dem Mauerfall geht es mir gut

Heute, 30 Jahre nach dem Mauerfall lebe ich im Westen Deutschlands. Mir geht es gut. Ob es mir in der DDR besser oder schlechter gegangen wäre, spielt keine Rolle mehr. Die DDR ist Geschichte. Und aus der Geschichte sollte man verdammt viel lernen können. Denn nur dann kann man meiner Meinung nach die eigene Zukunft besser gestalten.

1987 begann ich meine Lehrzeit im Staatlichen Forstwirtschaftsbetrieb (StFB) Ballenstedt als Forstfacharbeiter. Nach Abschluss der Lehrzeit wollte ich dann weiter Forstwissenschaften studieren. Doch daraus wurde dann nichts mehr. Der Fall der Mauer bedeutete auch für mich einen sehr großen Einschnitt in meine Lebensplanung und mein weiteres Leben. Zwei Jahre dauerte die Lehre, die ich grösstenteils im Lehrlingswohnheim Ratsfeld / Kyffhäuser verlebte. Im Sommer 1989, als viele DDR-Bürger bereits über Ungarn in den Westen flüchteten, begann ich im Anschluss an die Lehrzeit meine erste Arbeitstelle wieder daheim im Forstrevier Sternhaus.

Freunde aus meiner Lehrzeit traten ihren Militärdienst im Wachregiment an. Letztendlich hatte ich dem Dienst beim Wachregiment abgesagt und mich stattdessen zum Dienst an der Grenze bereiterklärt (Memo an mich: das wäre ein eigener Beitrag). Den Einberufungsbefehl hatte ich bereits für den März 1990 zugestellt bekommen. So konnte ich quasi noch ein halbes Jahr Arbeiten und mein erstes richtiges eigenes Geld verdienen. Wie gesagt, ich wollte – doch dann kam der Mauerfall dazwischen. Die Gedanken zu meinem persönlichen Mauerfall kannst du hier nachlesen. Für mich begann eine Zeit des Aufbruchs mit vielen neuen Abenteuern und Erlebnissen. Aber auch einigen tiefen Einschnitten und Fehlschlägen. Eindrücke aus dem Jahr der Wende 1989 – 1990 kannst du unter dem Link nachlesen.

Jammerossi oder Besserwessi - mein Leben 30 Jahre nach dem Mauerfall - Wanderer auf dem jetzt wieder freien Brocken im April 1990

Meine Ossi-Welt veränderte sich

Am 03. Oktober 1990 wurde Deutschland dann wiedervereinigt. Der DDR wurde ein neues System quasi über Nacht verordnet. Die alte BRD musste sich gar nicht ändern. Mein Lebensweg verlief in den Jahren danach ebenso holprig weiter. Was folgten waren Arbeitslosigkeit, Umschulung, ein neuer Arbeitsplatz in einem neuen Berufsfeld. Alles in allem gar nicht schlimm, solange man nach jedem Fehlschlag wieder aufgestanden ist und weitergemacht hat. Wenn man noch jung ist. Vor allem Dingen, wenn man noch den Mut hat, weiterzumachen. Während meiner Umschulung hatte ich Mitschüler in meiner Klasse, welche zu diesem Zeitpunkt bereits die dritte, gar die vierte Umschulung durch das Arbeitsamt bekamen. Dass man in solchen Situationen irgendwann den Mut verliert, erscheint mir logisch.

Daraus entstand dann sicherlich der Begriff vom Jammerossi. Im Gegensatz dazu steht der Besserwessi. Das ist vor allem die Spezies, die nach dem Mauerfall in den Osten kam und den Ossis erst einmal erklären musste, wie Leben und Arbeit gehen. Ich wurde nicht zum Jammerossi. Im Gegenteil: als ich mich beruflich weiterentwickeln wollte, kündigte ich meinen Vollzeitjob und fing an zu studieren. Dank Meister-Bafög konnte ich mir die monatlichen Raten für ein Studium an der DAV in Bremen leisten. Bedingt damit war ein Wohnungswechsel von Ostdeutschland nach Westdeutschland. Aus mir wurde ein Wanderer zwischen den Welten.

Dieses Wandbild mit dem sperrigen Titel

Ein Wanderer zwischen den Welten

Seit 1997 lebe ich nun bereits in Bremen. Nach dem Studium blieb ich der Liebe wegen hier. Mittlerweile habe ich hier meinen Lebensmittelpunkt aufgebaut. Nach Jobwechsel, Zeitarbeit und Arbeitslosigkeit habe ich seit mehr als 10 Jahren bereits eine unbefristete Arbeitsstelle. Auch hier im Westen läuft nicht alles rund. Beziehungen und Netzwerke sind auch heute noch nötig. Vielleicht sind sie sogar wichtiger als zu DDR-Zeiten. Und klar: man kann heute seine Meinung offen sagen! Was man jedoch damit erreicht, steht auf einem anderem Blatt. Ob diese Meinung auch von allgemeinem Interesse ist, ist dabei eine genauso wichtige Frage.

In Bremen war ich der Ossi an der Schule und zu Hause im Harz der Wessi. Eigentlich waren es keine Probleme und richtig böse hat es wohl auch niemand gemeint. Aber zu unterschiedlich war das jeweilige Leben. Ob ich zum Wossi geworden bin? Wirklich richtig zugehörig fühle ich mich auch heute noch nicht, 30 Jahre nach dem Mauerfall. Oftmals schon allein wegen der Uhrzeit werde ich manchmal komisch angeschaut hier im Westen. In meiner alten Heimat stosse ich oftmals noch auf eine gewisse Rückständigkeit in einigen Themen. So ein richtiges einiges Volk sind wir noch lange nicht. Ein Freund (Wessi) von mir meinte dazu kürzlich: „Es ist Unwissenheit. Und die kommt davon, dass wir alle zu wenig miteinander darüber sprechen. Auch in den aktuellen Debatten nicht wirklich. Es geht immer nur um „Ihr“ und „Wir“. Das ist so schade.“

Das sehe ich genauso! Wohl nahezu alle Einwohner der neuen Bundesländer waren bereits im Westen. Aber wie viele Westdeutsche waren den schon einmal im Osten? Das ist schade! Gerade 30 Jahre nach dem Mauerfall!