Kalkriese oder die Suche nach der Varusschlacht

Wir schreiben das Jahr 9 unserer Zeitrechnung. In einem langen Tross mühen sich römische Legionen durch die noch unwegsame germanische Landschaft. An einem strategischen Engpass zwischen Bergen auf der einen und Mooren auf der anderen Seite des Weges werden die römischen Soldaten und ihr Tross von vereinigten germanischen Stämmen angegriffen. Diese große Schlacht geht als Varusschlacht in die Geschichte ein.

Kalkriese oder die Suche nach der Varusschlacht

Als Ergebnis der Schlacht wurden drei römische Legionen aufgerieben. Die Germanen vernichtetn 18.000 Soldaten im Dienste Roms und deren Tross. »Quintilius Varus, gib mir meine Legionen wieder!« soll Kaiser Augustus gerufen haben, als ihn die Schreckensnachricht erreichte. Die Weltmacht Rom war geschlagen, aber noch nicht besiegt.

Der Cherusker Arminius hatte es geschafft, die Germanenstämme gegen die Herrschaft Roms zu verbünden. Damit wurde Arminius wohl zum ersten Helden der deutschen Nation. Er wurde zum Mythos, ihm zu Ehren wurden Denkmäler erbaut und prunkvolle Schlachtgemälde gemalt. Aber auch seine Person wurde zeitweise für ideologische Mittel mißbraucht.

Das Rad der Geschichte drehte sich für Rom und auch für Germanien weiter. Die Varusschlacht wurde mehr und mehr vergessen. Nur bei einigen Geschichtsschreibern fand sie noch Erwähnung. Schliesslich wurde die Schlacht ganz vom Schatten der Geschichte verhüllt. Viele der antiken Quellen gingen verloren. Wenige überlebten in klösterlichen Bibliotheken. Ab dem 15. Jahrhundert wurden die Schriften von Gelehrten wieder gefunden. Nur über den genauen Ort der Schlacht schwiegen die antiken Quellen.

Heimatforscher und Gelehrte machten sich auf die Suche nach dem Ort der Varusschlacht. Irgendwo im Teutoburger Wald soll sich das Drama der Römer zugetragen haben. Über 700 potentielle Ortsvorschläge kamen durch deren Forschung zustande. Doch keiner konnte die forschenden Zeitgenossen überzeugen. „700 Theorien – doch keine führt zum Schlachtfeld“ fasste der westfälische Archäologe Wilhelm Winkelmann 1983 den Forschungsstand zusammen.

Archäologische Funden brachten Hinweise auf Kalkriese

Dem Engländer Tony Clunn gelang 1987 mit dem Fund von römischen Silbermünzen und von Schleuderbleien die Kehrtwende. Erstmals lag ein unstrittiger Beleg für die Anwesenheit römischer Truppen im Raum Kalkriese vor. Im Herbst 1989 begannen die großflächigen archäologischen Ausgrabungen. Die Fundregion Kalkriese gehört somit zu den wenigen größeren Fundstätten römischer Zeit in der Nordhälfte von Deutschland.

Ob sich die legendäre Varusschlacht hier tatsächlich zugetragen hat, ist noch nicht zweifelsfrei erwiesen. Jedoch geben die Funde im Zusammenhang mit den Unterlagen den Anhaltspunkt für diese Theorie. Die Forscher graben, forschen und untersuchen weiter. Infolge dieser Ergebnisse wurde im Jahr 2000 der Museumspark Varusschlacht errichtet. 2001 wurde dieser Park mit einem Museum ergänzt.

Grund genug für mich diesen bemerkenswerten Ort einmal zu besichtigen. Nur vom Selbstsehen und -erleben wird man schlauer. Also einen Tagesausflug zum Museum und Park Kalkriese geplant und umgesetzt. Heutige Museen sind längst nicht mehr die verstaubten Antiquariate von vor zwanzig Jahren. Technische Neuerungen und ein Konzept, welches den Besucher mit einbezieht, lassen Geschichte lebhafter erscheinen. Zudem wird der Besucher zum Interagieren aufgefordert. Ganz anders als die Sammlungen der alten Museen, welche man nur betrachten durfte.

Modernes Museumskonzept zur Varusschlacht

So überraschte mich auch Kalkriese positiv. Nicht viel ist aus den alten römischen Tagen des Jahres 9 zu finden. Die vorhandenen Funde werden aber anschaulich präsentiert. Auch das Landschaftsbild im Park und die Forschung zur Varusschlacht werden entsprechend berücksichtigt. Möglichkeiten zur Interpretation statt bloßer Rekonstruktion ist gegeben. Entstanden ist somit ein offener Denk- und Assoziationsraum, der den Besuchern einen Rahmen für eigene Gedanken, Ideen und Reflexionen eröffnet.

Im Besucherzentrum des Parkes erwirbt man die Eintrittskarten. Ein kleiner Museumsshop findet sich hier ebenfalls. Weiterhin bleibt in diesem Gebäude noch ausreichend Raum für Sonderausstellungen. Hat man seine Eintrittskarte gelöst und sich ein wenig informiert, gelangt man durch das Gebäude in den Park. Hier kann man sich entscheiden, ob man dem Weg der Römer durch den Park folgt oder lieber das Museum besucht. Ich persönlich rate jedoch dazu, erst einmal mit dem Museumsbesuch zu beginnen.

Das Museumsgebäude selbst ist schon eine architektonische Meisterleistung. Der gesamte Korpus des Gebäudes wurde mit Stahlplatten verkleidet. Das verwendete Material stellt eine Referenz an die archäologischen Funde dar. Die schlichte Form und das ungewöhnliche Material setzen sich später im Park fort.

Anstoß für eigene Interpretationen

In der Dauerausstellung zur Varusschlacht werden hier geborgene Funde präsentiert. Die Räume sind großzügig dimensioniert und eingerichtet. Zusätzlich werden das Leben der Germanen und der Römer betrachtet. Ebenso wie die gegenseitigen Beziehungen dieser Völker und die Geschichte jener Jahre. Multimediale Effekte, Videoinstallationen und Objekte laden zum Entdecken und Interpretieren ein. Der Besucher wird angeregt, selbst zu denken und zu interpretieren. Gelungen finde ich auch die Überleitung in unsere heutige Zeit. So kann der Besucher unter anderem einem Gespräch zwischen Arminius und Varus lauschen, in dem sie sich in heutiger Zeit über das damalige Geschehen unterhalten.

Nach dem Besuch der Dauerausstellung hat der Besucher die Möglichkeit, den Aussichtsturm hinauf zu steigen. Oben angekommen, erhält man einen wunderbaren Ausblick auf den Park und die Umgebung. Hier ist bereits ein guter Ort, um das soeben Erfahrene anzuwenden.

Nach dem Abstieg rate ich den Weg der Römer zu erforschen. Auch dieser Weg ist mit Stahlplatten belegt. Wie die Vergänglichkeit der Zeit sind die Platten unterschiedlich verlegt. Wind und Wetter beeinflussen das Material. Manchmal tauchen Schriftzüge auf, eine Hommage an die Überlieferung einzelner Quellen. Der Weg ist gesäumt von mehreren Pavillons, in denen die eigene Vorstellungskraft und Interpretation gefragt sind. Ein Landschaftsschnitt und ein germanischer Wall geben Aufschluß und eine Vorstellung über die Gegend. Zudem erfahren Besucher mittels eines ausleihbaren Audioguides zusätzlich Wissenswertes über diesen geschichtsträchtigen Ort.

Mein Fazit: Ich war über diesen Besuch sehr erfreut. Man sollte sich aber bewusst auf den Ort und dessen Geschichte einlassen. Nur so kann man die dargestellten Dinge und Fakten interpretieren und die aufgeworfenen Fragen beantworten. Das Museum ist für Kinder und Erwachsene gleichermaßen geeignet. Jenseits von einer trockenen Museumsatmosphäre wird viel Raum für Erleben, Entdecken und Mitmachen geboten.

Hallo, ich bin Torsten. Das Leben machte mich zum Optimisten mit Lebenserfahrung, Abenteurer, Naturschützer, Forstarbeiter, Logistiker, Journalist, Eurovisionär, Sammler, Schriftsteller, Künstler …

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