Vor 25 Jahren wurde in Deutschland Geschichte geschrieben. Tausende DDR-Bürger verliessen als Botschaftsflüchtlinge ihr Heimatland. Grund genug für Edgar Ente vom Waldesruher Tagesboten den Ortsvorsteher Egon Schulze zur Situation in Waldesruh vor 25 Jahren zu befragen:

Edgar Ente (WT): “Hallo Egon, du warst auch vor 25 Jahren in Waldesruh schon Ortsvorsteher. Kannst du unseren Lesern etwas zur damaligen Situation erzählen – so quasi als Zeitzeuge?”

Egon Schulze (ES): “Tachchen Edgar! Klar gern, es ist wichtig, dass solche Geschehnisse dokumentiert werden. Mit der Zeit gerät ja vieles in Vergessenheit und vieles wird auch falsch interpretiert. Zuallererst aber, ich war damals kein Ortsvorsteher, sondern der Bürgermeister hier.”

WT: “In Ordnung, du warst also Bürgermeister. Hat man damals in Waldesruh – die DDR existierte ja noch, von den Geschehnissen in Prag und Ungarn denn etwas mitbekommen?”

ES: “Sicher haben wir das damals! Wir hatten ja auch schon Fernsehgeräte und konnten auch hier Westfernsehen sehen. Offiziell war das wohl nicht erwünscht, aber auch nicht verboten. Und das Fernsehen der DDR hat ja auch darüber berichtet.”

WT: “Die brennendste Frage ist wohl die, ob auch aus Waldesruh Menschen als Botschaftsflüchtlinge ihre Heimat verlassen haben?”

ES: “Tatsächlich gab es eine Familie, die Waldesruh verlassen hat. Dies geschah aber erst an dem Tag als in der DDR die Grenze gefallen war – also am 09. November.”

WT: “Warum haben die Menschen eigentlich damals ihre Heimat verlassen?”

ES: “So richtig verstehen kann ich das heute auch noch nicht. Wir hatten damals alles, was wir brauchten: Arbeit, genügend Geld zum Leben, bezahlbare Wohnungen und auch eigene Häuser. Sicherlich, man musste sich anstrengen um etwas zu bekommen, nicht so wie heute, wo man nur in einen Laden gehen muss. Aber mit ein bisschen Planung war auch diese Situation zu meistern. Wir haben uns alle gegenseitig geholfen. Ganz zu schweigen davon, dass Bildung für alle zugänglich und kostenlos war und nicht wie heute vom Geldbeutel der Eltern abhängt. Wir konnten im Jahr auch zweimal in den Urlaub fahren!”

WT: “Aber die Leute schienen doch unzufrieden zu sein? Konnten nicht nach Frankreich oder Spanien reisen?”

ES: “Ich denke, es war das Gefühl der Enge, welches dafür sorgte, dass die Leute diesen Schritt wagten. Damit meine ich die ideelle Enge, nicht die räumliche, die dafür sorgte, dass die Menschen anscheinend nicht glücklich waren. Aber sein Glück kann man nicht kaufen, dafür muss man selbst etwas tun. Viele der Menschen, die damals ihre Heimat verlassen haben, sind auch wieder aus den unterschiedlichsten Gründen zurückgekehrt. Man hat eben nur die Westmark und Bananen gesehen!”

WT: “Also würdest du sagen, diese Flüchtlinge haben ihre Heimat wegen Bananen verraten?”

ES: “Als Flüchtlinge will ich diese Leute nicht bezeichnen. Flüchten tut man vor Krieg, Hunger oder Gefahren. Aber davon hatten wir hier nichts. Innerhalb bestimmter gesellschaftlicher Umgangsnormen konnte man hier sehr gut leben. Es ist ja nicht anders als heute. Die, welche damit nicht klar gekommen sind, die sind abgehauen und haben uns hier im Stich gelassen. Vor Problemen und Schwierigkeiten abzuhauen ist immer die einfachere Lösung.”

WT: “Aber sind diese Flüchtlinge nicht die eigentlichen Helden des Umsturzes in der DDR?”

ES: “Nein, das nicht! Die sind einfach abgehauen. Die Helden sind hier geblieben und haben die Probleme vor Ort gelöst. Denen gilt mein ganzer Respekt – aber nicht denen, die feige davon gelaufen sind.”

WT: “Welche Auswirkungen hatte die Situation vor 25 Jahren hier in Waldesruh?”

ES: “Keine wirklich dramatischen. Unser Sägewerk konnte weiter arbeiten und auch die Waldarbeiter haben zur Stange gehalten. Im Gegensatz zu heute hatten wir ja noch eine Kaufhalle, eine Post und die Kindereinrichtung. Auch die wenigen Fremdenzimmer waren noch voll belegt. Der Zusammenbruch kam erst etwas später. Aber so schlecht kann es uns in Waldesruh ja nicht gegangen sein, denn sonst wäre ich ja nicht als Ortsvorsteher wieder gewählt worden.”

WT: “Edgar, die Zeit ist schon wieder fast um. Ich würde dich aber auch gern zu den Wendewirren in einem späteren Termin interviewen wollen. Wäre dir das recht?”

ES: “Klar, komm einfach vorbei. Du weisst ja, wo du mich findest. Aber ich gebe dir auch den Tip, frage doch die Leute auf der Straße einmal, da kannst du bestimmt noch einiges erfahren.”

WT: “Einige Interviews habe ich ja schon geführt, diese werden auch demnächst in unserer Zeitung erscheinen. Erst einmal vielen Dank!”