Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt

Seit 2001 wird der 22. Mai als Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt benannt. Aktuell sind mehr als eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben und völligem Verschwinden bedroht.

Geschrieben von Torsten Berg

Dieser Beitrag wurde am 13.07.2023 aktualisiert.

Erstellt wurde er am 12.07.2023 .

Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt

Seit 2001 wird der 22. Mai als Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt benannt. Der Tag erinnert an den 22. Mai 1992, an dem der Text des internationalen Übereinkommens über die biologische Vielfalt offiziell angenommen wurde. Der Tag erinnert an die Relevanz der Erhaltung der Artenvielfalt.

Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt Schmetterling Kleiner Eisvogel Rote Liste BRD: 3 (gefährdet)

Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt

Die Vereinten Nationen haben Ende 2000 den Tag vom 29. Dezember in den Mai verlegt. (Am 29. Dezember 1993 trat das Übereinkommens über die biologische Vielfalt in Kraft.) Die Ziele der Konventionen sind die Erhaltung der biologischen Vielfalt, der nachhaltige Nutzung ihrer Bestandteile sowie die ausgewogene und gerechte Aufteilung der sich aus der Nutzung der genetischen Ressourcen ergebenden Vorteile.

Artenvielfalt: Maß für die Vielfalt der biologischen Arten innerhalb eines Lebensraumes oder geografischen Gebietes

Aktuell sind mehr als eine Million Tier- und Pflanzenarten bedroht. Aber jedes Tier und jede Pflanze hat in unserem Ökosystemen wichtige Funktionen. Ohne sie könnten wir als Menschen auf der Erde nicht existieren. Die Artenvielfalt liefert uns Nahrung, stellt Wirkstoffe für Medikamente bereit, reguliert das Klima, dient uns zur Erholung – und viele andere, alltägliche Dinge mehr. Laut Schätzungen der Wissenschaft soll es knapp neun Millionen Tier- und Pflanzenarten auf der Welt geben. Der Großteil von ihnen ist noch unentdeckt. In der südostasiatischen Mekong-Region haben Wissenschaftler in den letzten zwei Jahren 380 neue Tier- und Pflanzenarten entdeckt. Die meisten der neuen Arten entdeckte man in Vietnam und Thailand. (Quelle: WWF-Bericht listet 380 neuentdeckte Arten in der Mekong-Region)

Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt - Rind auf einer Weide - alles baut aufeinander auf

Artensterben als Krise für uns Menschen

Für den Erhalt der Artenvielfalt ist eine große Anzahl verschiedener Tier- und Pflanzenarten notwendig. Unterschiedliche Arten besetzen unterschiedliche Nischen. Die Arten sind in ihrem Ökosystem aufeinander angewiesen. Fallen Arten aus, zum Beispiel weil sie aussterben, ist das Netz des Lebens gestört.

Die aktuelle Rate des Artensterbens liegt hundertmal höher als im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre. Lt. dem Weltbiodiversitätsrat IPBES sind rund 25 % der Tier- und Pflanzenarten betroffen. (Quelle: Das globale Assessment der biologischen Vielfalt und Ökosystemleistungen). Wir erleben aktuell das sechste Massensterben in der Erdgeschichte. Bereits heute leben 60 % weniger Wirbeltiere auf der Erde als noch 1970. In Deutschland sind zwischen 1998 und 2009 die typischen Vögel der Agrarlandschaft um mehr als 36 % zurückgegangen (Quelle: Intensivlandwirtschaft steckt hinter dem Vogelsterben).

In den nächsten Jahrzehnten droht der weitere Verlust von bis zu einer Million Arten. Arten, die uns für die weitere menschliche Entwicklung fehlen werden. Auch sind intakte Ökosystem mit hoher Artenvielfalt widerstandsfähiger gegen die Folgen des Klimawandels und können diese sogar abmildern.

Der IPBES macht fünf „direkte Triebkräfte“ für das weltweite Artensterben verantwortlich. Diese fünf Ursachen verstärken sich auch noch wechselseitig. Der Haupttreiber ist aber immer der Mensch, wie er Land und Ozeane immer weiter ausbeutet.

  • die Landwirtschaft mit vielen Monokulturen
  • Zerstörung von Lebensräumen u.a. durch Rodungen
  • Klimawandel
  • invasive Arten
  • Umweltverschmutzung u.a. durch Plastikmüll

Aber der Bericht führt auch Maßnahmen auf, die dem Artensterben entgegenwirken können. Zum Bespiel empfiehlt der Rat mehr Fruchtwechsel und Mischkulturen in der Landwirtschaft, mehr Rückzugsgebiete für Tiere und auch die Stärkung von Umweltgesetzen und deren Umsetzung. Einen Anteil daran kann auch der einzelne Mensch leisten, in dem er Wert auf eine eigene klimaschonende und energiesparende Lebensweise achtete.

Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt - Kabeljau im Nordseeaquarium Hirtshals Dänemark

Kipppunkte im Artenschutz

Spätestens im Zusammenhang mit der Klimakrise wurden uns Kipppunkte bekannt, wie das Schmelzen der Eisschilde oder die Abholzung im Amazonas-Gebiet. Ab einem gewissen Schwellenwert sind die Folgen unumkehrbar und ziehen weitere Kettenreaktionen nach sich. Solche Kipppunkte wirken sich auch auf das Artensterben aus. Lebewesen, die als Ökosystemingenieure gelten (zum Beispiel Ameisen) haben oft sogar eine Schlüsselfunktion. Selbst das Fehlen einzelner Tiere kann weitreichende Folgen haben. Jede Art ist wichtig.

Schon heute ist es für bestimmtem Arten von Ruderfußkrebsen in der südlichen Nordsee zu warm. Für den Nachwuchs des Kabeljau, den jungen Larven, wird es immer schwieriger, Nahrung zu finden. Für den Kabeljau aus der Ostsee (hier wird er Dorsch genannt) ist durch Überfischung bereits ein Kipppunkt überschritten.

Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt - Humboldtpinguine im Zoo am Meer Bremerhaven

Weltnaturkonferenz in Kanada

Mit diesem Hintergrund fand im Dezember 2022 die UN-Biodiversitätskonferenz statt. Vertreter von knapp 200 Staaten berieten über den Erhalt der biologischen Vielfalt als Lebensgrundlage für die Menschheit. Eines der wichtigsten Ziele ist das Vorhaben, 30 Prozent der Landfläche und 30 Prozent der Meeresfläche unter Schutz zu stellen.

Nach rund zweiwöchigen Verhandlungen haben sich die Teilnehmer auf eine Abschlusserklärung geeinigt. Darin sind insgesamt vier Vorsätze und dreiundzwanzig Zielsetzungen definiert. Unter anderem auch die Vorgabe, daß bis 20230 wie vorgesehen 30 Prozent der Landflächen, der Binnengewässer, der Küsten- und Meeresflächen „wirkungsvoll konserviert“ werden (30-bis-30-Ziel).

Die Reaktionen auf die Ergebnisse sind als großer Erfolg gefeiert. Aber natürlich gab es auch negative und warnende Stimmen. Lt. Bundesumweltministerin Steffi Lemke ist das 30-Prozent-Ziel in Deutschland bereits erreicht. (Wenn man die Fläche nur am Schutzstatus festmacht, hat sie sogar Recht.).  Es ist zu begrüßen, daß es endlich den Erfolg einer gemeinsamen Abschlußerklärung gab. Das Dokument ist aber rechtlich nicht bindend und viele der Zielsetzungen sind recht vage gehalten. Es wird zum Beispiel nicht ausreichend spezifiziert, was eigentlich „wirkungsvoll konserviert“ bedeutet.

Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt - Goldregenpfeifer - als Brutvogel in Deutschland längst verschwunden

Artenschutz in Deutschland

Auch wenn Bundesumweltministerin Steffi Lemke das 30-Prozent-Ziel als erfüllt ansieht: Deutschland hat noch riesige Lücken beim Artenschutz (Quelle: Deutschlands Lücken beim Artenschutz). Das Ministerium bezieht bei seiner Begründung zu den naturgeschützten Flächen sämtliche, auch weniger geschützte Gebiete (wie Landschaftsschutzgebiete, Naturparke) mit ein. Ein wirksamer Schutz der Natur wird aber allenfalls in Nationalparken und Naturschutzgebieten erreicht. Selbst in diesen Flächen ist aber noch eine Bewirtschaftung möglich. Bei reinen Wildnis-Gebieten, die lt. Erklärung auf 2% aller Flächen zur Verfügung stehen sollen, werden in Deutschland nur 0,6 Prozent erreicht. Für Deutschland gibt es also noch einiges zu tun!

Nicht nur mehr Flächen müssen unter wirksamen Naturschutz gestellt werden. Auch ein Umdenken in der Landwirtschaft und eine Agrarreform sind notwendig. Noch heute finden wir selbst in jedem vierten Naturschutzgebiet große Ackerflächen, die konventionell bewirtschaftet werden. Die Untersuchung „DINA – Diversität von Insekten in Naturschutz-Arealen“ ist die erste großflächige Erhebung zum Insektensterben in Naturschutzgebieten. Immer stärkere Pestizide werden immer weiter in die Naturschutzgebiete eingetragen.

Auch beim Vogelsterben spielt die industriell betriebene Landwirtschaft eine maßgebliche Rolle. Die Studie Farmland practices are driving bird population decline across Europe belegt erstmals im kontinentalen Maßstab den ursächlichen Zusammenhang. Mit einem Weiter-So verliert Deutschland über kurz oder lang viele Feldvogelarten. Für Rebhuhn und Kiebitz könnte es bereits zu spät sein.

Laut einer aktuellen Studie (Juni 2023) ist Deutschland bereits jetzt fast Schlusslicht in der EU. (Quelle: Analysing the distribution of strictly protected areas toward the EU2030 target). Mit derzeit 0,6 Prozent ausgewiesener Schutzfläche für strenge Schutzgebiete belegt Deutschland den drittletzten Platz – gemessen an der Landesfläche. In Deutschland gibt es zwar eine große Bandbreite von Schutzgebieten, wie Naturparks, Vogelschutzgebiete, Biosphärenreservate oder Nationalparks. Alle haben aber unterschiedliche Ziele und verschieden strenge Vorgaben. Somit hat aber Deutschland noch lange nicht das 30-Prozent-Ziel der UN-Biodiversitätskonferenz erreicht (siehe oben)

Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt - Heckrinder als Naturpfleger und neue Ansätze in der Landwirtschaft

 

EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur

Die Mehrheit der EU-Umweltminister hat im Juni 2023 den Vorschlag für ein Gesetz angenommen, welches Renaturierungsziele in der EU bis zum Jahr 2050 festlegt (Quelle: EU-Umweltminister einig bei Naturschutzgesetz). Auf der Grundlage dieses Gesetzes sollen u.a. trockene Moore wieder vernässt oder Wälder nachhaltig aufgeforstet werden. Dieses „Gesetz zur Wiederherstellung der Natur“ soll Ökosysteme vor dem Zusammenbruch bewahren.

Das geplante Gesetz wird von den Christdemokraten im EU-Parlament vehement kritisiert. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es unklar, ob dieses Gesetz verabschiedet werden kann. Im EU-Umweltausschuß wurde das geplante Gesetzt mit knapper Mehrheit abgelehnt. Damit hat die Europäische Volkspartei (EVP) im EU-Parlament. Hintergrund der Ablehnung: Stimmenfang für anstehende Wahlen. (Quelle: Stimmenfang auf Kosten der Natur). Aber auch die Bauern brauchen zur Sicherung ihrer Existenz neue Regeln zum Schutz der Böden, für gesunde Wälder und Lebensraum für Insekten.

Viel Zeit haben viele unserer Tiere und Pflanzen nicht mehr. Wir als Menschen übrigens auch nicht.

[Update 12.07.2023] Zu später Stunde wurde es Gewissheit. Bei der gestrigen Abstimmung über das Gesetz zur Wiederherstellung der Natur im Parlament der EU hat eine knappe Mehrheit für das Gesetz gestimmt. Das Gesetz wird also wahrscheinlich kommen. Nun muss mit den EU-Mitgliedsstaaten noch um die konkrete Ausgestaltung verhandelt werden. Nach dem Willen der EU-Kommission soll das Gesetz noch vor den Europawahlen im Jahr 2024 in Kraft treten.

Internationaler Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt - Waldsterben im Harz

 

Kommentieren, Anregen und Diskutieren