Es schien doch noch eine glückliche Fügung im Weihnachtskrimi von Waldesruh zu geben.

Was bisher geschah: Fräulein Krause machte morgens auf ihrem Weg zum Büro die erschreckende Entdeckung, daß nur noch das Jesuskind in der Krippe an seinem Platz zu finden war. Von Josef und Maria keine Spur. Schnell informierte sie Egon Schulze und Wachtmeister Hoffmann. Engagiert sicherte der Wachtmeister mit der tatkräftigen Hilfe von Edgar Ente die vorhandenen Spuren. Was er fand waren die Abdrücke von Damenschuhen, etwas Stroh und Reifenspuren auf dem Pflaster des Marktplatzes. Damit ergaben sich neue Fragen. Leider hatte von den Waldesruhern niemand etwas von dieser abscheulichen Tat bemerkt. Einzig Fräulein Krause erinnert sich an etwas. Die erste sichere Spur war entdeckt. Mit kriminalistischen Spürsinn arbeiteten sich Wachtmeister Hoffmann und Edgar Ente bis zur Rukollamühle vor. Die Spuren führten weiter in den Nationalpark hinein, wo sich neue Beweise fanden, welche zur Waldesruher Logistikgesellschaft WLG führten. Durch Zufall erfuhren die Detektive, daß die gesuchten Kisten wahrscheinlich am Bahnhof in Waldesruh zu finden sind.

Und nun die Fortsetzung: Knatternd brachte Wachtmeister Hoffmann das Moped von Förster Grünrock am Bahnhof zum Stehen. Edgar Ente sprang schnell vom Sozius und beide rannten durch die Bahnhofshalle auf den Bahnsteig. Glück gehabt! Die Regionalbahn nach Wilhelmsbrunn stand dampfend auf dem Gleis. „Wie lange sollen wir hier noch warten? Wir haben einen Fahrplan einzuhalten!“ beschwerte sich der Lokführer beim Wachtmeister. Doch der winkte nur ab: „Wo sind die Kisten?“.

Zusammen mit dem Schaffner gingen die beiden in den Gepäckwagen. Hier standen wie erwartet neben Postsäcken, Fahrrädern und Paletten auch zwei Holzkisten. Jede 1,80 m lang und adressiert an Hanni Hase, Am Waldrand 12, 27404 Ostereistedt. Hatten die beiden Detektive die gestohlenen Figuren gefunden? Es konnte hier nur eines Gewissheit bringen, die Kisten mußten geöffnet werden. „Hier ist Gefahr im Verzug, also machen wir die Kisten auf!“ bestimmte Wachtmeister Hoffmann. Damit nutzten die Protestes des Schaffners nichts mehr. Schnell wurde das benötigte Werkzeug organisiert.

Der Wachtmeister wollte gerade einen Hebel ansetzen, da kribbelte es auf seiner Haut und er mußte niesen: „Hatschi!“. Dabei war der Wachtmeister doch gar nicht erkältet. Als er hochschaute, um sich ein Taschentuch aus seiner Tasche zu holen, blickte er in das bleiche Gesicht von Edgar Ente. Dieser schaute den Wachtmeister mit großen Augen und offenen Mund an. Zumindest schaute er in seine Richtung. Der Wachtmeister drehte sich langsam um. Was er sah, ließ den Hebel aus seiner Hand auf den Boden des Eisenbahnwaggons fallen.

Vor den beiden Detektiven und dem Schaffner stand ein Hase! Nicht einer von der Sorte, wie ihn die Waldesruher in ihren Ställen haben. Nein, dieser Hase war fast so groß wie die drei Männer hier in diesem Waggon und außerordentlich gut gekleidet. Der Hut, welchen er auf dem Kopf trug, hatte zwei Löcher für die Hasenohren. „Meine Herren, Hanni Hase ist mein Name. Ich habe ihnen wohl etwas zu erklären!“ mümmelte er gut vernehmbar.

Da sich von den drei Männern sichtlich noch keiner gefasst hatte, fuhr der Hase fort: „Ich bin vom Beruf Osterhase. Das mag jetzt merkwürdig klingen, es ist aber einfach so. In diesem zwei Kisten finden sie die beiden gesuchten Figuren. Bitte öffnen Sie sie und überzeugen Sie sich.“

Das war selbst für den stärksten Wachtmeister zuviel. „Wawawawarum?“ konnte Wachtmeister Hoffmann nur stottern. „Meine Herren, setzen Sie sich bitte.“, sprach der Hase und holte für jeden der drei Männer aus seiner Reisetasche ein kleines Fläschchen vom Waldesruher Bitterblubber„Mein Verhalten war kindisch, ich gebe es zu. Aber seit Jahren kümmern sich die Menschen nicht mehr um das wirkliche Weihnachten und schon gar nicht um Ostern. An den Weihnachtsmann und an mich glauben noch nicht einmal mehr die Kinder. Alles ist so hektisch geworden und nur auf Kommerz aus. Und bei alldem wird Weihnachten vorgezogen und das Osterfest fast vergessen!“ erklärte der Hase mit heruntergeklappten Ohren.

Dann haben die Waldesruher mit Weihnachten in Waldesruh angefangen. Alles ist perfekt und die Familien nehmen sich Zeit füreinander. „Ich bekam es einfach mit der Angst, daß es einfach zu Ende sei mit Ostern. Deshalb habe ich die Eltern des kleinen Krippenkindes entwendet. Ich dachte mir, wenn der 24. Dezember vorbei ist und es gibt kein Kind mehr, dann gibt es auch kein Weihnachten. Dann müsste die ganze Welt nur noch Ostern feiern und ich hätte weiter meine Berechtigung.“ Doch je mehr er selbst über seine Tat nachdachte, desto unwohler wurde es ihm. Wer weiß, ob das Osterfest denn überhaupt ohne Weihnachten auch existieren würde. Es hingen doch beide irgendwie zusammen. „Obwohl der Weihnachtsmann und ich immer schon um die Gunst der Kinder gestritten haben.“

So habe er als Osterhase dafür gesorgt, daß die Detektive erfahren hatten, wo die fehlenden Figuren zu finden seien. „Und jetzt nehmen Sie mich bitte fest! Ich habe ein unfassbares Verbrechen begangen.“ Nachdem der Hase mit seinen Ausführungen geendet hatte, herrschte für zwei Minuten tiefe Stille im Eisenbahnwaggon. Edgar Ente war der Erste, der sich räusperte: „Herr Hase, Sie und der Weihnachtsmann sind wohl die besten Erinnerungen von uns an unsere Kindheit. Wir können Sie nicht festnehmen!“ Wachtmeister Hoffmann und der Schaffner nickten zustimmend. „Helfen Sie uns, die Figuren zurück zum Weihnachtsmarkt zu bringen. Dann gehen wir zum Bärenwirt. Dort warten die Waldesruher bestimmt schon auf unsere Rückkehr. Wir machen uns Gedanken! Ich bin sicher, wir finden eine Lösung, wie wir Weihnachten und Ostern wieder feiern können. Jedes zu seiner Zeit, aber beides gleichwertig!“

Noch ehe Edgar Ente seinen Satz beendet hatte, fanden sich die drei Männer auf dem Weihnachtsmarkt wieder. Vor ihnen stand in trauter Zusammengehörigkeit die heilige Familie. Vom Osterhasen war jedoch weit und breit nichts zu sehen. Selbst das Kribbeln in der Nase bei Wachtmeister Hoffmann war verschwunden. Waren die letzten Stunden nur geträumt? Nein, die Uhr der Kirche zu Waldesruh schlug soeben achtzehn mal. Es war 18 Uhr. Die Waldesruher und ihre Gäste strömten zum Weihnachtsmarkt um das Wunder von Waldesruh zu sehen. Die Figuren waren also wirklich verschwunden gewesen!

Auch Fräulein Krause und Egon Schulze kamen aus dem Rathaus gelaufen. Fräulein Krause hatte wieder einige Tränen im Auge – doch diesmal vor Freude! Überschwenglich drückte sie die beiden Detektive an sich. Maria und Joseph waren wieder da. Nun war Weihnachten nicht verloren! Der Weihnachtskrimi in Waldesruh war mit einer glücklichen Fügung gelöst.

„Jetzt kann es ein fröhliches Weihnachtsfest werden!“ jauchzte sie erfreut. „Wir sollten uns aber nach dem Fest einmal über Ostern unterhalten“, flüsterte ihr Edgar Ente zu. Fragend blickte Fräulein Krause ihn an. „Später …“ entgegnete er.

„… jetzt wollen wir nur allen Besuchern, Freunden, Bekannten und allen Menschen da draussen ein gesegnetes, besinnliches und fröhliches Weihnachtsfest wünschen! Verbringt und nutzt die Zeit zusammen mit denen, die euch etwas bedeuten. Und vor allem: bewahrt das Kind in euch, auch wenn ihr schon längst erwachsen seit!“

Fröhliche Weihnachten aus Waldesruh