Als Fräulein Krause heute morgen aufstand, war die Welt in Waldesruh noch in Ordnung. Es war 5 Uhr und es war kalt, jedoch für diese Jahreszeit eindeutig zu warm. Wehmütig dachte Fräulein Krause daran, daß dieses Weihnachten in Waldesruh wohl wieder ein Weihnachten ohne Schnee werden wird. Doch es kommt ja bekanntlich immer darauf an, was man daraus macht!

In der Nacht hatte Fräulein Krause nicht gut geschlafen. Immer wieder war sie hochgeschreckt, doch gleich wieder eingeschlafen. Einmal war ihr sogar, als hätte sie von ihrer Wohnung oben unterm Dach aus Reifen auf dem Marktplatz quietschen hören. Doch das war wohl nur ein Traum. Wer sollte denn auch mitten in der Nacht durch Waldesruh fahren?

Etwas zerschlagen ging Fräulein Krause in ihr kleines Badezimmer, duschte und legte ihre dezente Schminke auf. Dann ging sie in die Küche, knusperte für sich ein Brötchen vom Wochenende auf und legte sich ein Kaffeepad in ihre Kaffeemaschine. Bekanntlich sind die Kaffeepads der einzige Luxus, welchen sich Fräulein Krause selbst gönnt. Sie stellte ihr Radio an und deckte den Frühstückstisch für sich. Der Wetterbericht verlautete bis jetzt auch kein Wort über ein weißes Weihnachtsfest. Zumindest sollte es aber nicht regnen. Die Waldesruher Gemütlichkeit macht auch ein Weihnachten ohne Schnee zu einem Höhepunkt.

Nachdem Fräulein Krause ihr Frühstück beendet hatte, räumte sie pflichtbewusst das Geschirr in ihre Spülmaschine (Energieeffiziensklasse A +++ eines deutschen Herstellers). Ein paar Krümel vom Brötchen wischte sie von ihrem Platzdeckchen auf und entsorgte sie im Eimer für den Biomüll. Dann zog sie ihren blauen Mantel an und setze sich das kecke Reiherfederhütchen auf den Kopf. Ein Blick in den Spiegel, ob auch alles korrekt saß und man sich auf die Straße trauen konnte. Ein kurzes Lächeln zum eigenen Spiegelbild und frohen Mutes stieg unser Fräulein Krause die Holztreppe hinab. Pünktlich um 6:30 Uhr wollte sie im Rathaus in ihrem Büro sein – so wie an jedem Morgen in der Woche.

Als Fräulein Krause aus der Haustür trat, verspürte sie die frische klare und saubere Morgenluft, die es so fast nur noch in Waldesruh gibt. Vor ihr lag der Weihnachtsmarkt mit seinen leuchtenden Lichtern, natürlich allesamt umweltbewusst mit erneuerbarer Energie gespeist. Dieses heimelige Gefühl ließ den Gute-Laune-Faktor bei ihr gleich noch einmal um zwanzig Prozentpunkte steigen. Fast schon wollte sie ihre Lippen spitzen, um ein kleines Weihnachtsliedchen zu trällern.

Doch schlagartig versteinerte ihre Miene und fast blieb ihr die Luft weg. Sie hatte sich schon darauf gefreut, der heiligen Familie einen guten Morgen zu wünschen. Diese Figurengruppe wurde dem Örtchen Waldesruh erst am 3. Advent von den hier ansitzenden Spielzeugschnitzern geschenkt. Dieses Geschenk zeigte ihr, daß die Menschen hier gern in Waldesruh leben und wohnen. Doch was Fräulein Krause an diesem frühen Morgen nun vorfand, war nur das Jesuskind, welches unschuldig noch in seiner Krippe lag. Von Josef und Maria aber war weit und breit nichts zu sehen.

Fräulein Krause war sich sicher, daß die beiden ihr Kind nicht aus freien Stücken hier in Waldesruh auf dem Weihnachtsmarkt zurück gelassen hatten. Wie denn auch – schließlich sind die Figuren aus massivem Holz! Sie schaute vorsichtshalber noch einmal hinter die umstehenden Weihnachtsbäume. Vielleicht hatte sich jemand einen Scherz erlaubt? Aber nein, auch dort waren die beiden Figuren nicht zu finden. Nur an der Stelle, wo die beiden standen, sah man ein Loch im Stroh.

An diesem frühen Morgen war niemand da, der Fräulein Krause helfen konnte. Was nun tun? Sie muss Hilfe holen, schoss es ihr plötzlich durch den Kopf. Nach den Sekunden der Unentschlossenheit zeigte sich nun die organisatorische Stärke von Fräulein Krause. Schnell eilte sie in ihr Büro und verständigte Egon Schulze. Auch Wachtmeister Hoffmann klingelte sie aus seinem Bett. Schließlich war hier in Waldesruh eine Entführung passiert! Nun mußte schnell gehandelt werden!

Fortsetzung folgt …