Förster Grünrock erzählt: rivalisierende Hirsche

Förster Grünrock erzählt dieses Mal von zwei rivalisierende Hirsche in der Hirschbrunft. Aufmerksam hören ihm seine Begleiter zu. Förster Grünrock sitzt mit ein paar Urlaubern auf seinem sorgfältig gewähltem Beobachtungsposten. Die kleine Gruppe, die er heute führt, möchte sich gern noch das Ende der Hirschbrunft anschauen.

Förster Grünrock erzählt: rivalisierende Hirsche zur Hirschbrunft

Bereits dem Fräulein Krause konnte der Förster keine Garantie mehr geben, ob die Hirsche denn überhaupt noch Lust verspürten. Aber die Besucher wollten es unbedingt versuchen. So also wanderte der Förster mit der kleinen Gruppe noch morgens im Dunklem los, um einen Ansitz am besten Brunftplatz der Gegend zu besuchen.

Mucksmäuschenstill saß nun die Gruppe zusammen und beobachtete die Natur. Langsam dämmerte es und die aufsteigende Sonne begann bereits den Nebel der Nacht zu vertreiben. Es würde wohl wieder ein sehr schöner, sonniger Herbsttag werden. Viel Sonne und viel zu warm für diese Zeit, dachte der Förster bei sich.

Angestrengt schauten die Menschen mit ihren Ferngläsern den Waldrand ab. Aber es war kein Hirsch zu sehen. Auch hören konnte man nichts. Kein Röhren von liebestollen Hirschen. Geschweige denn ein Zeichen von zwei rivalisierende Hirsche. Nur ab und zu knackte ein kleiner Zweig im Wald und die Besucher zuckten zusammen. Dann schlich sich ein Fuchs oder ein Hase auf die Wiese, einmal kam sogar eine kleine Gruppe Wildschweine fast bis an den Ansitz heran.

Was Förster Grünrock als Kind bereits erleben konnte

Um die traurige Situation etwas aufzulockern, fing Förster Grünrock leise an zu erzählen. Vom Hirsch Hubertus erzählte er, den er schon als kleines Hirschkalb kennenlernen konnte. Aber Hubertus war und ist nicht der einzige Hirsch im Revier. So erinnerte sich Förster Grünrock an eine Begebenheit, als er selbst noch ein kleiner Junge war:

Damals saß er auch mit seinem Vater, dem damaligen Förster im Wald und beobachtete die Hirschbrunft. Zu der Zeit durfte noch nicht jeder, der eine Waffe hatte, auch einen Hirsch schießen. Die Trophäenträger waren den besonderen Leuten vorbehalten. Selbst der alte Förster Grünrock hatte noch nie einen Hirsch geschossen. So saßen sie nur da und beobachteten die stolzen Tiere. 

Zwei alte Kämpfer mit einem prächtigen Geweih dominierten den Brunftplatz an der Wiese. Die Krone des einen Hirsches hatte unverkennbar einen fehlenden Zacken. Das war aber der, der hier bereits seit Jahren alle Kämpfe gewonnen hatte und auch der Vater vom heutigen Hirsch Hubertus war. Auch heute gerieten die beiden Hirsche wieder in Streit um die Damenwelt.

Wie so oft dauert es nicht lange und aus dem Röhren und Imponieren heraus, preschten die beiden Hirsche aufeinander los. meistens konnten sie mit ihrem Geweih den Stoß des Gegners abwehren. Dann schoben sich beide Tiere hin und her bis schließlich die Kräfte des Einen nachließen. Der unterlegene Hirsch suchte dann von sich aus das Weite und der Sieger schickte ihm ein donnerndes Röhren hinterher. Dann umrundete er seine Gruppe von Damen und widmete sich seinen Siegerpflichten.

Dieses Mal war etwas anders als sonst

Doch dieses eine Mal war etwas anders: die beiden Hirsche schoben sich hin und her. Mit ihren Läufen wühlten sie den Erdboden auf. Blätter, Erde und kleine Zweige flogen umher. Man konnte ein leises Grunzen hören und die Hirsche  verdrehten die Augen, so daß die beiden Betrachter nur das Weiße sehen konnten. 

Dem heutigen Förster Grünrock war nicht so klar, was da gerade so vor ihren Augen ablief. Doch sein Vater klärte ihn auf. Beide Hirsche hatten sich mit ihren Geweihen ineinander verfangen. So konnten sie sich nicht mehr voneinander lösen. Beide torkelten zurück in die Dickung und es wurde ruhiger. Die Hirschdamen schauten zwar etwas verstört, widmeten sich aber bald wieder den kulinarischen Genüssen auf der Wiese.

Tage später, Förster Grünrock hatte sich schon Sorgen gemacht, da er keinen der beiden rivalisierende Hirsche wieder gesehen hatte. Auf einem seiner Reviergänge schlug sein Hund an. Der alte Förster fand in einer Dickung die Kadaver der beiden Hirsche, immer noch miteinander verhakt. Sie waren schlicht verhungert. Der Förster ließ die toten Tiere bergen und fuhr mit dem Fahrrad in die Kreisstadt. Letztendlich wurden die toten Hirsche in das Naturkundemuseum gebracht, wo sie dann auch in ihren kämpferischen Stellung präpariert wurden.

Die Besucher von unserem Förster Grünrock lauschten gebannt der Erzählung. Der Förster blickte auf seine Uhr. „Jetzt wird auch kein Hirsch mehr kommen. Die Brunft ist dieses Jahr wirklich frühzeitig zu Ende. Leider!“ Etwas enttäuscht packten alle ihre Sachen zusammen und stiegen von der Aussichtsplattform ab.

War alles nur erfunden?

„Aber ihre Geschichte von vorhin, die war doch erlogen oder?“ fragte da einer der Teilnehmer. „Die Tiere können sich doch immer wieder selbst befreien!“ Darauf lächelte der Förster nur: „Keineswegs, das habe ich so selbst damals erlebt. Gern könnt ihr das Museum in der Kreisstadt besuchen. Die zwei kämpfenden rivalisierende Hirsche, die dort in der Ausstellung stehen, das sind die beiden, von denen ich eben erzählt habe. Achtet auf die fehlende Zacke am Geweih des einen Hirsches.“

Weil die Gruppe aber heute bei der Beobachtung kein Glück gehabt hatte, lud der Förster alle noch kurz zum Bärenwirt auf ein kleines Glas Waldesruher Bitterblubber zur Entschädigung ein. Und er wird wohl Fräulein Krause bescheid geben müssen, daß sie keine Karten für die Hirschbrunft mehr in diesem Jahr verkaufen solle.

Edgar Ente ist ein Kind aus Waldesruh. Er interessiert sich sehr für die Natur und die Entwicklung seiner Heimat. Als Reporter hat er großen Anteil daran, dass der Ort Waldesruh quasi von der Öffentlichkeit „wieder entdeckt“ wurde und berichtet vornehmlich vom Leben aus diesem Ort.

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