Der Perfektionismus in meinem Leben kann mir das Leben selbst schwer machen. Nicht, daß wir keine Sorgfalt, Gewissenhaftigkeit  und Ordnung schon im Kindesalter erlernen sollten. Doch in diesem Erlernen liegt auch die Gefahr uns im weiteren Leben zusätzliche Erschwernisse zu bereiten, indem ich immer versuche perfekt zu sein.

Es geht hier nicht um übertriebenen Ordnungswahn, den Putzfimmel in der eigenen Wohnung oder dem Durchschnitt 1,0 in der Schule. Es geht um Zweckmäßigkeit, nötigen Aufwand und vor allen Spass und Freude am Erreichen seines gesetzten Zieles.

Ich erinnere mich immer wieder an eine Situation aus meiner Kindheit: Beim Renovieren in unserer Wohnung sollten auch wieder Leisten an der Schwelle der Zimmertür angebracht werden. Diese Leisten wurden an die Türschwelle geschraubt. Beim Schrauben bedeutete mir mein Vater öfters, dass die Schraubenschlitze in eine gleiche Richtung zeigen.

Ok, was man als Kind gesagt bekommen hatte, wurde damals noch gemacht. Das Ergebnis und die Funktionalität hätte sich aber auch nicht geändert, wenn die Schlitze der Schrauben in verschiedene Richtungen gezeigt hätten. Ärgerlicher wäre es gewesen, würden einige Schraubenköpfe noch aus dem Holz der Türschwelle heraus schauen.

Der Aufwand für diese Schönheitspflege war unbedeutend, zumal man schon beim Eindrehen der Schrauben auf die Ausrichtung der Schlitze achten konnte.

Heute im Arbeitsleben und auch bei privaten Projekten sieht es meistens etwas anders aus. Zwar wurde das theoretische und praktische Rüstzeug uns von den Eltern, Erziehern, Ausbildern und anderen Menschen mit in das Leben gegeben. Doch die Menge, die Dauer und Terminierung  der Aufgaben verursacht Stress und somit schlechte Laune und auch Ärger.

Wenn wir in solchen Situationen dann noch zu einhundert Prozent Perfektionismus zeigen wollen, sinkt irgendwann die Motivation und die Freude gegen den Nullpunkt. So ist es meistens im Arbeitsleben und die notwendigen Arbeiten werden eher schlecht als recht erledigt. Die Folge sind dann schlechter Service, schlechte Produkte, hohe Kosten.

So habe ich es mir angewöhnt durch das sogenannte Pareto-Prinzip mit 80% des Aufwandes ein akzeptables Ergebnis zu erreichen. Das Pareto-Prinzip besagt, dass 80 % der Ergebnisse mit 20 % des Gesamtaufwandes erreicht werden. Die verbleibenden 20 % der Ergebnisse benötigen mit 80 % die meiste Arbeit.

Das ist die Sicht der Betriebswirtschaft auf dieses Thema und soweit auch für mich verständlich und akzeptabel. Ein wichtiger Aspekt wird dabei aber oft vergessen: Identifiziere ich mich mit dieser Leistung?

Es ist allgemein bekannt: wenn ich etwas gern erledige, ein (von mir akzeptiertes) Ziel habe und mit Freude bei der Sache bin, dann stelle ich andere Maßstäbe an das Ergebnis, als wenn ich etwas unbedingt erledigen soll.

Ich selbst habe es mehrmals erlebt, dass ich zum Beispiel in Waldesruh gestaltete Teile mehrfach umgeändert und gar wieder abgerissen habe. Einfach, weil mir das Ergebnis nicht gefallen hatte. Der Aufbau und das Feilen am (momentanen) Endzustand machen mir einfach Freude.

Beim Fotografieren steht für mich eher der Moment und nicht das Ergebnis (das fertige Foto) im Blickpunkt. Ich freue mich, wenn ich mir später wieder einmal ein gelungenes Foto anschauen kann. Doch das Hauptziel ist hier das Erleben und das entstandene Foto nur der Beweis dafür.

Aus den vorgenannten Punkten entdeckte ich für mich, daß der Perfektionismus in meinem Leben keine Hauptrolle spielt. Mir bedeutet die Freude am Schaffen mehr als das  perfekte Ergebnis. Perfekt wird es niemals sein, es wird immer jemanden geben, der es besser kann als ich. Aber wenn es ein gutes Ergebnis ist und es vorrangig mir gefällt, umso besser.

         “Ich bin ich – nicht mehr und nicht weniger, das muss reichen”!                   (in Anlehnung an ein Zitat von Harald Glööckler)

Was hat nun das Beitragsbild von Måns Zelmerlöw (Gewinner des Eurovision Song Contest 2015 aus Schweden) mit meinem Perfektionismus zu tun? Der schwedische Beitrag war eine perfekte Präsentation, für mich ehrlich gesagt zu perfekt und zu glatt.

Måns mußte während seiner Auftritte jede Bewegung perfekt durchführen und die Technik der Projektion musste auch genau auf die Sekunde und Stelle ausgerichtet sein. Der Auftritt mußte  deshalb wohl hunderte Male geprobt werden. Bei einer (öffentlichen) Probe trug Måns Zelmerlöw nicht wie gewohnt sein langärmeliges graues Shirt, sondern ein kurzärmeliges.

Im Ablauf seines Beitrages reckt er mehrmals die Arme nach oben und jedesmal beim Absenken des Armes erfolgte der Griff an die Shirtärmel, um diese wieder glatt und perfekt am Körper zu haben. Doch was fehlt an einem kurzärmeligen Shirt? Richtig: die langen Ärmel, um die es beim Herunterziehen geht!

Die Bewegungen mussten ihm also direkt in das Blut eingegangen sein. Schliesslich gewann er für Schweden mit dem Song Heroes den Eurovision Song Contest.