Ob ich ohne Reisen in meinem Leben glücklicher wäre, kann ich gar nicht sagen. Bisher habe ich über dieses Thema gar nicht wirklich nachgedacht. Vor kurzem aber bin ich bei Sabine von ferngeweht.de über ihre Blogparade Wie hat sich dein Reisestil verändert gestolpert. Das war dann wieder einmal ein Auslöser für meine Gedanken.

Das Reisen in meinem Leben: 2007 in Dänemark

Meine Vorfahren fuhren zur See und ich?

Eigentlich sollte mir das Reisen ja in die Wiege gelegt sein. Mein Urgrossvater fuhr zur See, mein Opa ebenfalls. Mein Vater folgte dann seinem Vater und fuhr für die VEB Deutsche Seereederei über die Weltmeere. So sollte das Reisen in meinem Leben wohl eine grosse Rolle spielen. Leider haben sich bei mir in dieser Hinsicht wohl eher die mütterlichen Gene durchgesetzt. Ich fühlte und fühle mich eher der Heimat zugeneigt. Beruflich zur See zu fahren, war kein Thema für mich.

Vater fuhr also zur See und meine Mutter blieb mit mir zu Hause. Wenn mein Vater auf Urlaub zu Hause war, ging es dann aber raus in die Natur. Einmal wenigstens besuchten wir aber meinen Vater, der zu dieser Zeit gerade im Rostocker Hafen lag. Wir durften auf dem Schiff mit übernachten und sogar einmal kurz mitreisen. Es ging sogar nach Hamburg. Jedenfalls wir durften mitfahren in den Hamburger Überseehafen hinein. So stand ich als Junge von 2-5 Jahren an der Reeling von einem Schiff unter DDR -Flagge und winkte in den Hamburger Hafen hinein. Natürlich durften wir nicht von Bord, denn immerhin waren wir ja im NSW-Ausland. Aber immerhin, ich war schon einmal im Westen.

Bis 1976 fuhr mein Vater zur See. Dann erblickten meine Geschwister das Licht der Welt und mein Vater wurde sesshaft. Das war dann auch die Zeit, in der wir dann zu fünft jedes Jahr in den Urlaub fuhren. Mit vollgepackten Trabbi ging es zu den schönsten Orten unserer Republik. Meistens in einen Bungalow, der entweder zum VEB Traktorenwerk Schönebeck meines Vaters gehörte oder vom Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) vermittelt wurde. Ab und zu auch mal in ein Hotel des FDGB – das war aber eher seltener. In einem Bungalow waren wir freier von der Zeiteinteilung her und meine Geschwister und ich konnten auch so öfters einfach nach draussen gehen und toben.

1975 im Urlaub im Thüringen. Damals standen die Kühe noch auf der grünen Wiese und nicht in einer Produktionsfabrik.

Die Kindheit in der DDR verbracht

In solch einem Urlaub erlebte ich zum Beispiel meinen ersten Krötenregen oder fing meine ersten Eidechsen. Täglich im Urlaub besuchten wir aber auch Tierparks, Museen, Burgen oder Höhlen. Irgendein Ausflugsziel stand immer auf der Tagesordnung. Das ist bis heute bei mir so geblieben. Während andere tagelang am Strand in der Sonne liegen können, brauche ich Abwechslung, Natur und Kultur. Lieber wandere ich dann am Strand entlang und entdecke so mein Umfeld. Oder ich liege auch schon mal nackt am Strand im Sand und fotografiere irgendwelche Vögel.

Mindestens einmal im Jahr fuhren wir Kinder auch in ein Kinderferienlager. Zwei Wochen durften wir für kleines Geld dort urlauben. Gegner der DDR kommen jetzt wahrscheinlich mit dem Argument der Indoktrinierung der Kinder im sozialistischen Sinne. Klar hatten wir dort auch Frühsport, Fahnenappell und beim Sportfest mussten wir mit Handgranaten werfen. Aber wir hatten auch Neptunfeste, Nachtwanderungen, Diskos und diverse Ausflugsziele. Für mich waren diese Wochen mit die schönsten im ganzen Jahr.

Leider verstarb meine Mutter, als ich elf Jahre alt war. Ein Jahr lang lebten wir bei meiner Tante, dann der Umzug in den Harz. Hier hatte mein Vater schliesslich eine neue Lebensgefährtin kennengelernt. Man kaufte sich ein Haus für die grössere Familie und wir bauten dieses um. An regelmässigen Urlaub war nicht mehr zu denken. Zu viel Zeit und Geld gingen für den Umbau drauf. Wenn man dann sieht, was die Zeit so gebracht hat? Naja – vieles weiss man eben nicht vorher. Das Gute war, ich hatte den Harz und damit den Wald vor der Haustür.

An einen Urlaub in dieser Konstellation kann ich mich aber doch noch erinnern: wir verlebten das Weihnachtsfest in einem Schweriner Ferienheim. Statt wie zu Hause eine Weihnachtsbaum gab es ein paar grüne Zweige in der Vase. Gemütlich geht wahrscheinlich anders. Als Geschenk zur Jugendweihe sind mein Vater und seine damalige Freundin mit mir  dann doch noch in die damalige CSSR in das Riesengebirge gefahren. Dort sah ich das erste Mal die Elbequellen und den Safaripark Dvur Kralove.

Weiter ging es dann in meiner Lehrzeit. Diese verbrachte ich im Lehrlingswohnheim auf dem Kyffhäuser. Das war dann auch meine Sturm- und Drangzeit mit vielen kleinen Reiseabenteuern in der DDR. Einmal sogar nach Polen, Richtung Auschwitz, im Rahmen eines Jugendaustausches. Weiter durften wir ja quasi nicht.

Das Reisen in meinem Leben: 2002 beim Bloggen in Formine - Italien

Der Mauerfall veränderte das Reisen in meinem Leben

Als dann die Wende kam, wurden die Reisemöglichkeiten auch gleich grösser. Mehr Geld hatte ich zwar nicht wirklich, aber die Möglichkeiten dazu. Mein erste (richtige) Reise nach der Maueröffnung führte mich nach Italien in die Toskana. Viele andere Reisen folgten: Griechenland, Frankreich, Grossbritannien, Ukraine, Türkei und und und … Die Welt war plötzlich grösser geworden und erreichbarer. Auch der Eurovision Song Contest hatte seinen Anteil daran. Nach dem Studium, mit einem festen Job und Westgeld in der Tasche konnte ich mir vieles leisten. Dennoch waren mir Jugendherbergen, Low-Budget-Hotels oder Ferienhäuser lieber als All-Inclusive, luxeriöse Hotels. Kreuzfahrten oder Flugreisen.

Es zog mich noch nicht über die Ozeane. Ich war noch nicht in Amerika, Afrika oder gar Australien. Mir kommt es nicht darauf an, in kurzer Zeit möglichst viele Länder abzuhaken. Ich möchte etwas vom Land sehen. Das geht nicht wirklich mit einer beschränkten Anzahl von Urlaubstagen im Jahr. Auch während des ESC versuche ich mehr und mehr die Tage im Pressezentrum so gering wie möglich zu halten. Stattdessen schaue ich mir bestimmte Ziele an. Ich war zum Beispiel in Tschernobyl oder in Aserbaidschan im Gobustan.

Dennoch, mein Schwerpunkt und auch mein persönliches Interesse liegt in unserer heimischen Natur. Hier kann ich tagtäglich Abenteuer erleben, rausgehen und entspannen. Dafür brauche ich nicht meilenweit zu fliegen oder zu reisen. In der Woche reicht mir dafür sogar der Park, die Weser oder die Stadtnatur. Oder einfach einmal eine Woche bei den wilden Wölfen in der Lüneburger Heide.

Rückblickend hat sich mein Reisestil nicht wirklich verändert. Damals wie heute mag ich die kleinen Abenteuer vor der Haustür. Das Entdecken unserer Natur an der Ostsee, der Nordsee, im Harz oder sonst irgendwo in Deutschland und umzu. Sollte es mit den Berichten vom ESC aufhören, dann kann ich diese Wochen gern dazu nutzen, mir Gedanken über den Rest der Welt zu machen. Viele meiner Reisebloggerkollegen beschreiben schöne Naturerlebnisse ausserhalb Europas. Ab und zu könnte ich in dieser Hinsicht schon wirklich schwach werden. Doch dann regen sich in meinem Kopf wieder die Zweifel bezüglich Flugscham, Klimaschutz und dem Wohl der vielen vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten und die von Zerstörung bedrohten Lebensräume.

Wer weiss? Vielleicht ändert sich das Reisen in meinem Leben doch noch einmal. Es ist nie zu spät dazu.