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Hier nun die Gedanken aus dem Jahr der Wende 1989 – 1990. Seit Jahren schreibe ich schon Tagebuch um meine Eindrücke und Gedanken festzuhalten. Somit schreibe ich für mich meine Geschichte nieder.

Manche Einträge sind sehr persönlich, zu persönlich um diese weiter zu geben. Andere gebe ich guten Gewissens weiter, stellen sie doch eine Art von Zeitzeugenberichten dar.

Diese habe ich 1989/90  niedergeschrieben, frisch und ungefiltert, wie sie mir in die Sinne gekommen sind. Diese Jahre waren sicher nicht nur für mich die bewegendsten in meinem Leben. Würde ich heute diese Gedanken niederschreiben, würden diese wahrscheinlich anders ausfallen. Ob positiv oder negativ anders sei dahingestellt.

Dies bitte ich beim Lesen zu berücksichtigen:

Seit der Nacht des 09. November 1989 sollten sich auch für mich viele Dinge ändern. Zwar nicht sofort, aber die Veränderungen waren absehbar. Dinge, die es bis dato in der DDR gab, waren für die Bevölkerung so uninteressant geworden wie nur selten etwas. In den Wochen, die auf die Grenzöffnung folgten, waren ganze Klassenräume leer, konnten Fabriken fast nichts mehr produzieren, weil der größte Teil der DDR aufbrach, um die Segnungen des Westens zu erforschen.

Die damalige Lebensgefährtin meines Vaters, Kinderkrippenleiterin in meinem Heimatort, hatte der Beziehung zu meinem Vater ziemlich schnell den Laufpass gegeben, hatte sie doch einen Wessi kennengelernt und war nun mit diesem zusammen. Und solche Leute sollten vor Monaten noch unsere Kinder zu sozialistischen Persönlichkeiten erziehen.

Welche Loblieder wurden da auf den Tand gesungen, der in Ramschläden und auf den Grabbeltischen der Kaufhäuser zu Höchstpreisen an das dumme DDR-Volk verkauft wurde. „Den Ossis kann man alles verkaufen“ – so hallte es wie ein Schlachtruf durch Deutschland. Beinahe entwürdigende Szenen spielten sich in den Kaufhäusern von Hannover, Hamburg oder München ab. Schick war, was aus dem Westen kam und ostdeutsche Waren und Lebensart waren über Nacht nichts mehr wert.

Während die Ossis für Billigwaren Höchstpreise zahlten, kauften andererseits Wessis im Osten für billiges Geld mit harter Währung (wodurch die Waren noch billiger wurden) zentnerweise einst als Bückware gehandelte Lebensmittel ein. Ich erinnere mich noch gut an eine Gegebenheit: Da gerade Weihnachten vor der Tür stand, versuchten wir in unserer Kaufhalle eine Tiefkühlente zu kaufen. Doch kurz vorher war der gesamte Inhalt der Kaufhallenkühltruhe in einen Mercedes mit altbundesdeutschen Kennzeichen verschwunden.

Das Ausbluten des Landes, welches mit dem Mauerbau vor damals 28 Jahren gestoppt wurde, fand nun im Eiltempo statt. Schon wurde aus dem Ruf „Wir sind das Volk“ die Rufe „Wir sind ein Volk“ und „Kommt die D-Mark nicht zu uns, ziehen wir zu ihr“.

Meinen ersten Westbesuch erlebte ich erst Anfang Dezember in Wolfenbüttel. Schon in aller Frühe fuhren meine Vater, meine zwei Geschwister und ich mit unserem Trabbi Richtung noch vorhandener Grenze. Am Übergang standen zwar noch Soldaten des Volkes, aber diese ließen uns ohne Kontrolle passieren. Kurz vor 6 Uhr morgens kamen wir dann im Dunkeln in Wolfenbüttel an und machten uns auf die Suche nach dem Rathaus, um unser so genanntes Begrüßungsgeld abzuholen. Notwendigerweise, denn für unsere „Aluchips“ konnten wir uns hier sicher nichts kaufen.

Der Empfang der für die Ossis so wertvollen einhundert D-Mark ging auch problemlos von statten. Da die Geschäfte aber noch geschlossen hatten, machten wir zu allererste einen kleinen Schaufensterbummel. Sicherlich war ich beeindruckt von den bunten Auslagen, trotzdem reizte mich das vielfältige Angebot nicht, so dass ich mir nur ein Bestimmungsbuch über Lurche und Kriechtiere und – da es ja Dezember war – einige Süßigkeiten für Weihnachten. Den Rest des Begrüßungsgeldes nahm ich wieder mit zurück in die DDR und da blieb er auch bis zur Währungsunion.

In dem Maße, wie Alteigentümer nun versuchten ihren Grund und Boden, der durch die Bodenreform enteignet worden war, wiederzubekommen, veränderten sich auch zunehmend die Strukturen in meiner Heimat. Die ehemals von der LPG bewirtschafteten Flächen wurden kleiner, oft schlossen sich Bauern zu Erzeugergenossenschaften zusammen oder machten sich selbstständig. Die staatlichen Forstwirtschaftsbetriebe wurden aufgelöst, Forstämter entstanden, die Revierförstereien wurden größer oder deren Wälder gingen wieder in privaten Besitz über.

Mein Traum war es eigentlich gewesen, nach der Lehre zum Forstfacharbeiter ein Studium der Fachrichtung Forstwissenschaften aufzunehmen. Danach wollte ich selber einmal eine Revierförsterei übernehmen, doch wie in der Industrie wurden auch im Wald radikal Stellen abgebaut.

Um den Arbeitslosen zu helfen – nicht umsonst hatte Helmut Kohl als „Kanzler der deutschen Einheit  ja den Ostdeutschen blühende Landschaften versprochen – wurde eine Weiterbildung nach der anderen angeboten. Viele – vor allem Ältere – kamen von einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in die nächste. Umschulungen sollten den DDR-Bürger fit machen für die soziale Marktwirtschaft. Vor allem von den Jüngeren zog weg, wer im Westen eine Arbeit finden konnte. Dieser Trend hält auch heute noch, 15 Jahre nach dem Mauerfall ungebrochen an.