Im April 1945 war in Waldesruh der Krieg zu Ende. Im Gegensatz zu den großen Städten lag der Ort jedoch nicht in Trümmern. Einer der älteren Waldesruher erinnert sich noch an den Neuanfang vor 70 Jahren:

„Nachdem die Amerikaner unseren Ort besetzt hatten, zogen die Soldaten recht bald weiter. Nur eine kleine Gruppe von ihnen blieb in Waldesruh und richtete es sich im Rathaus ein.

Glücklicherweise fanden ja keine Kampfhandlungen in Waldesruh statt. Die Amerikaner durchsuchten unseren Ort und die Häuser nach Angehörigen der Wehrmacht und der SS, wurden aber nicht fündig. Selbst im Haus des NSDAP-Vorsitzenden fand sich nichts mehr, was gegen ihn verwendet werden konnte. Der hatte rechtzeitig sauber gemacht. 

Der Befehlshaber der Amerikaner beschlagnahmte die noch vorhandenen Gewehre. Wir mussten einen Teil der Lebensmittel im Rathaus abgeben. Diese wurden aber wieder an andere Waldesruher verteilt. Die Amis setzten den Vater von Egon Schulze als vorläufigen Bürgermeister ein.

Obwohl unser Ort nicht zerstört war, so waren doch viele der Männer im Krieg gefallen, vermisst oder bereits in Gefangenschaft. Es waren unsere Frauen und Mütter, die das Leben hier wieder in Gang brachten. Die bestellten die Gärten und räumten auf – der ganze Nazimuff musste raus.

Nachdem der ehemalige NSDAP-Vorsitzende wieder aufgetaucht war, verbreitete sich im Ort auch schnell die Nachricht, dass die Amerikaner  abrücken und die Russen hier herkommen werden. So war es wohl von den Alliierten in Jalta beschlossen. Der Parteibonze und der junge Bauer Raffke packten darauf hin ihren ganzen Hausrat auf Pferdewagen und fuhren Richtung Westen.

Meine Mutter jedoch wollte die Heimat nicht im Stich lassen. Wir haben hier alles und unser auskommen, meinte sie. So wie meine Mutter dachten viele im Ort. Die Russen werden schon keine Unmenschen sein.

Ende April, den genauen Tag weiß ich nicht mehr, war es dann soweit. Ein kleiner russischer Konvoi kam in unseren Ort und übernahm von den Amerikanern die Führung. Die Amerikaner fuhren nun in unseren Nachbarort Wilhelmsbrunn. Wir waren von nun an russische Besatzungszone.

Auch der russische Kommissar bezog das Rathaus. Seine Soldaten quartierten sich beim Bärenwirt ein. Am selben Tag wurden auch noch einmal alle Häuser durchsucht. Einige der älteren Männer, die noch im Ort waren, nahmen die Russen mit. Auch das bisschen was sie an Schmuck und Uhren fanden. Von unseren fünf Legehennen ließen sie uns zwei behalten. Von einem anderem Bauern nahmen sie das Schwein und schlachteten es. Aber es kam zu keinen weiteren Übergriffen.

Der Vater von Egon Schulze blieb auch bei den Russen Bürgermeister. Anscheinend hatten sich die Amerikaner für ihn eingesetzt. Er organisierte dann auch wieder und verhandelte viel mit dem russischen Kommissar. So kam dann auch wieder Normalität in unser Leben.

Die Russen beschlagnahmten die Lebensmittel und die Tiere, die wir noch hatten. Die Frauen und die noch verbliebenen Männer mussten im Sägewerk arbeiten und bekamen dafür dann von den beschlagnahmten Lebensmitteln ihre Rationen. Wie gut, daß meine Mutter vorausschauend noch einiges versteckt hatte!

Es war Frühling und die Obstbäume blühten. Und es war Frieden! Trotz aller Schwierigkeiten, es fühlte sich gut an.“

Waldesruh war nun aus seiner isolierten Lage in der Mitte Deutschlands in eine noch isoliertere Lage am Rande der sowjetischen Besatzungszone gerückt. Es folgten die Gründung der DDR, der Bau der Mauer, 40 Jahre Leben in der DDR. 1989 fiel auch hier die Mauer und Waldesruh rückt zunehmend in das Interesse der Öffentlichkeit.

Der Waldesruher Tagesbote wird auch weiterhin Augenzeugenberichte zu historischen Geschehnissen sammeln und veröffentlichen. Ebenso wird die Arbeit an der Chronik der Waldesruher Geschichte fortgeführt.