Heute vor 70 Jahren  fand auch in Waldesruh das Kriegsende 1945 statt. Einer der älteren Waldesruher erinnert sich noch daran:

„Waldesruh hatte damals noch keine Durchgangsstraße. Zwar gab es auch hier im Ort ein paar Nazis, aber eine große Rolle hat die Politik ja nie hier gespielt.

Viele der Männer waren an der Front, die Frauen bewirtschafteten so gut es eben ging den Hof. Wir versuchten mit dem Wenigen, was wir hatten auszukommen. Seit Anfang April hörten wir aus Richtung der Kreisstadt Geschützdonnern. Uns war klar, das der Krieg näher zu uns kam. Die spärlichen Berichte aus der Kreisstadt machten uns schon ein paar Sorgen.

Am Abend des 8. Aprils sahen wir dann vom Hirschkopf aus einen rötlichen Schein am Abendhimmel aus Richtung Halberstadt. Wie ich später erfuhr,  wurde an diesem Tage die Stadt Halberstadt bombardiert und große Teile der Stadt wurden dabei vernichtet.

Am Morgen des nächsten Tages kam eine kleine Gruppe von Soldaten der Wehrmacht in unser Tal. Der Krieg sei verloren, sagte einer von ihnen zu meiner Mutter und wir sollten sehen, daß wir hier wegkommen.

Meine Mutter gab den Soldaten einen warmen Teller Suppe zum Essen. Währenddessen rief der NSDAP-Vorsitzende im Ort wohl die SS in der Nachbargemeinde an und berichtete von den bei uns weilenden Fahnenflüchtigen. Nicht lange darauf kam ein LKW und die Soldaten wurden verhaftet. Später wurde erzählt, die SS hätte diese gleich im Wald hinter dem Ort erschossen.

So warteten wir in Ungewissheit, was da auf uns zu kommen würde. Aus den umliegenden Wäldern hörten wir vereinzelt Schüsse und manchmal einen Schrei. Später fanden wir auch fünf erschossene Männer in gestreiften Anzügen im Wald. Diese waren wohl im nahe gelegenen Arbeitslager als Häftlinge bei ihrem Abtransport geflüchtet und erschossen wurden. Die Häftlinge haben wir dann später bei der Kirche begraben.

Die bei uns im Dorf zur Arbeit eingeteilten russischen Kriegsgefangenen freuten sich dennoch, wenn ich ihnen heimlich ihr Essen brachte. Das durfte ja der NSDAP-Vorsitzende nicht wissen. Die Russen sagten dann zu mir, Hitler bald kaputt und dann ist Frieden.

Am 11. April dann war es soweit. Gegen Mittag kamen zwei amerikanische Militär-LKW und ein Jeep langsam in unseren Ort gefahren. Vorsichtig schauten die sich um. Anscheinend hatten sie aber vorher schon die Umgebung gesichert, denn von den umliegenden Bergen war kein Schuß mehr zu hören. Sie hatten auch ein paar deutsche Wehrmachtsangehörige gefangen genommen. Diese wurden erst einmal im Rathauskeller eingesperrt. 

Der Vater vom Egon Schulze ging den Amerikanern mit einer weißen Fahne entgegen. Immer in der Angst, daß der NSDAP-Vorsitzende ihm in den Rücken schießen würde. Doch von dem war weit und breit nichts zu sehen. Der tauchte erst eine Woche später wieder auf.

So kam dann schließlich der Frieden wieder zu uns in den Ort. Trotzdem stand uns dann noch eine harte Zeit bevor.“