Durch die mühsame Arbeit der Köhler und den Fund einer Goldader in der Drachenglashöhle entwickelte sich Waldesruh zu einem kleinen blühenden Ort. Nun wurde es langsam Zeit, daß der erworbene kleine Wohlstand auch für die Nachbargemeinden durch den Bau des Rathauses sichtbar wurde.

Doch wie kam es nun zum Bau des Rathauses, welches noch heute viel zu prächtig für den kleinen Ort Waldesruh erscheint? Mit dieser Frage beschäftigt sich ein weiterer Artikel der Serie über die Beiträge zur Geschichte des Ortes und der Umgebung, welche im Waldesruher Tagesboten abgedruckt wird.

Diese Serie erscheint im Rahmen eines geförderten Projektes, welches sich der Erforschung der Waldesruher Geschichtsschreibung verschrieben hat.

Im Jahre 1221 war der bereits bekannte Chronist Jacobus Schultey der Bürgermeister des kleinen Ortes Waldesruh. Seine Amtsgeschäfte wickelte er in der Schankstube des Gasthofes vom Bärenwirt ab und besondere Gäste wurden auch schon einmal nach Hause eingeladen.

Das Anwachsen der Bevölkerung und vor allem der Fund der Goldader in der Drachenglashöhle bedeuteten für den Ort Waldesruh auch höhere Einnahmen aus den Abgaben. Schon damals mussten die Bürger für öffentliche Belange Geld zahlen – genauso wie heute. Ebenso wie heute wecken auch gefüllte Kassen die Begierde der Landesherren.

So war es kein Wunder, dass alsbald der Landesherr, dem Waldesruh zu dieser Zeit zugehörig war, von seinen Steuereintreibern auf Waldesruh aufmerksam gemacht wurde. Für ihn war es einfach unbegreiflich wie ein Ort aus „tumben Waldbauern“auf einmal höhere Steuern zahlen konnte. Nicht das es ihn nicht freute, das plötzlich seine Kassen um ein paar Münzen voller wurden. Aber er war sich gar nicht sicher, ob seine geschätzten Untertanen denn auch alles in der richtigen Höhe an ihn abführten.

Also sollte ihn einer seiner nächsten Wege nach Waldesruh führen, um selbst nach dem Rechten zu sehen. Schließlich ist Vertrauen gut, aber Kontrolle besser! Im vorauseilenden Gehorsam wurde ein Bote nach Waldesruh geschickt, um alles für die Ankunft des Landesherren herzurichten.

Ein Landesherr hat natürlich gewisse Ansprüche an seinem Empfang. Fremdenzimmer waren damals noch nicht bekannt und sich als Fürst in die enge Behausung eines der Waldesruher zu begeben war absolut nicht standesgemäß.

Es musste schnell eine Lösung gefunden werden. Jacobus Schultey überlegte hin und her. Schliesslich wollte er es nicht mit seinem Herren verderben. Was lag näher als eine entsprechende Unterkunft zu bauen? Der Bote des Fürsten wurde also zum Bärenwirt eingeladen und ihm hier die Idee des Neubaus einer den Ansprüchen des Fürsten gerechten Unterkunft unterbreitet. Auch ein Bauplatz stand schon bereit. Hier mitten im Ort sollte der Landesherr weilen – inmitten seiner Untertanen.

Der Bote war ganz Ohr. Vom zuständigen Minister mit allen Befugnissen ausgestattet und auch reichlich dem Weine zugetan, hörte er sich die Pläne zum Bau des Hauses an. Die Kosten für den Bau könnte man ja aus dem Steueraufkommen für den Landesherren entnehmen, so der Gedankengang von Jacobus. So erhielte der Fürst eine standesgemäße Unterkunft, die er auch während seiner Jagden hier nutzen könne.

Und natürlich müsse auch genügend Raum sein für die Encourtage des Fürsten. Schließlich brauche ein edler Herr wie er auch seine Diener und Kammermädchen. Und vor allem muss sich das Häuschen schon auch äusserlich von den kargen Hütten der Waldesruher abheben.

Nach einigem Hin- und Hergerede und so manchem Kruge Wein wurde der Bote schon müde und unterzeichnete den Bauplan. Zur Finanzierung des Baues genehmigte er die entsprechende Summe aus dem Steueranteil des Ortes.

Und die Waldesruher liessen sich nicht lumpen. Das benötigte Holz wurde in den umliegenden Wäldern geschlagen, die Lehmsteine wurden in den Köhlereien gebrannt. Die Dachziegel aus Schiefer kamen von der Nachbargemeinde und Handwerker aus der Kreisstadt unterstützten die Spielzeugschnitzer aus dem Ort bei der Verzierung des Gebäudes.

Wie immer packten alle Einwohner des Ortes beim Bau mit an und binnen eines Monats konnte der Landesherr seine Unterkunft beziehen. Er staunte nicht schlecht über die für damalige Zeiten exklusive Ausführung und Ausstattung des Baus. Besonders der große untere Saal war bestens für herrschaftliche Empfänge geeignet. Stolz führte ihn Jacobus durch die Zimmer und wies auch immer wieder auf die wunderschöne Ausstattung hin.

Der Fürst war begeistert über diese Unterkunft und beeindruckt von der Schönheit und Eleganz, die das Gebäude ausstrahlte. Ob er es aber deshalb vergaß die Finanzierung zu hinterfragen, ist leider nicht mehr überliefert – oder es wurde aus gutem Grunde nicht niedergeschrieben.

Der Landesherr weilte noch ein paar Male im Ort. Jedesmal fiel im beim Durchsehen der Bücher kein Fehler auf. Auch das Jagdglück war ihm öfters hold. Mit dem Nachlassen der Ergiebigkeit der Goldader ließ aber auch seine Bereitschaft nach Waldesruh zu reisen nach. Über die Jahre wurden schließlich auch die wahren Eigentumsverhältnisse vergessen.

Um diese Zeiten verlagerte sich durch die Interessen des damaligen deutschen Kaiser Friedrich II aus dem Hause der Staufer, dem Enkel von Kaiser Barbarossa, der Schwerpunkt der deutschen Politik in Richtung Italien.  Als Friedrich der II. im Jahr 1250 starb, verloren die deutschen Kaiser endgültig den Machtkampf mit den Päpsten aus Rom, das deutsche Kaiserreich zerfiel weiter und auch Waldesruh fiel in eine Phase sanften Schlafes.

Aus diesem Schlaf erwachte der Ort erst wieder im Jahre 1517, als ein kleiner Mönch 95 von ihm verfasste Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg schlug. Was dieses Ereignis für Waldesruh bedeutete ist aber wieder eine andere Geschichte.