Bauer Heinrich ist verärgert

Bauer Heinrich ist verärgert, seit heute morgen sschon. Selten ist er verärgert. Eigentlich nur, wenn der Waldesruher Bitterblubber mal wieder leer ist. Aber davon hat er ja meistens mehr als eine Flasche im Haus.

Frohgelaunt ist er heute beim ersten Hähnekrähen von der Rosi (also seiner Frau, nicht die Sau) geweckt wurden. Wie immer ging er gleich nach dem Frühstück hinaus, um nach seinen Tieren zu sehen. Im Stall, bei den Kühen und auch bei der Rosi (also seiner Sau, nicht die Frau) war noch alles in Ordnung. Doch dann kam er zur Schafsweide. Schon im Anmarsch fühlte er, daß etwas nicht stimmt.

„De Schape waren janz hinne in de Egge standen se! Sonst sin se immer vor dem Dore! (Die Schafe standen ganz hinten in der Ecke, zusammengedrängt. Sonst haben sie sich immer schon vor dem Tor gedrängelt.)“ blubberte er Förster Grünrock an. Zu dem war er nämlich sofort geeilt. „Da heb ick es schon liesche sehe das Dier, voller Blud, eenes meener beschten Schape! (Da habe ich schon das Tier liegen sehen, voller Blut. Das war eines meiner besten Schafe!)“ Der Förster kam gar nicht zu Wort bei diesem Redeschwall, der sich da über ihn ergoß.

„Des war deen Lugs, der war des! Ick schtelle eene Falle uff. Wenn isch des Mischtviech krieche! (Das war dein Luchs,der das gemacht hat. Ich stelle eine Falle auf. Wenn ich den Luchs in die Hände bekomme!)“ Dabei wedelte er hektisch mit einem Schafsbein herum. Förster Grünrock konnte ihn nur mit Mühe beruhigen. Aber ein Gläschen vom Waldesruher Bitterblubber hilft auch bei solchen Extremfällen.

„Nun mach mal ganz langsam, Heinrich, was ist passiert?“ wollte der Förster wissen. Bauer Heinrich sah den Förster mit großen Augen an und nahm noch einen Schluck vom Bitterblubber. Dann erzählte er noch einmal, wie er morgens zu seinen Schafen kam und dort das tote Tier vorfand. „Des war deen Lugs, der war des! Wenn isch des Mischtviech krieche! (Das war dein Luchs,der das gemacht hat. Wenn ich den in die Hände bekomme!)“. Schnell nahm er noch ein Glas vom Waldesruher Bitterblubber.

Förster Grünrock wird ganz nachdenklich. Hatte er schon einmal von einen Luchs gehört, der Schafe riss? Selten, aber nicht auszuschließen. Aber der Luchs von Waldesruh war doch so scheu und vorsichtig. Der Förster selbst hatte ihn bisher nur einmal gesehen. „Wir fahren jetzt beide gemeinsam zum Tatort und schauen, ob wir Spuren finden. Ein Luchs kommt ja nicht durch die Luft geflogen. Wenn es wirklich der Luchs war, dann hast du natürlich auch Anspruch auf Schadensersatz. Doch das muß ich erst prüfen.“

„Des war deen Lugs, der war des! Wenn isch des Mischtviech krieche! Denn mach isch ne Pelzjagge für meene Rosi aus dem.  (Das war dein Luchs,der das gemacht hat. Wenn ich den in die Hände bekomme, mache ich einen Pelzmantel für meine Rosi aus seinem Fell!)“ polterte Heinrich wieder los. Hektisch wollte er das Glas zum Mund führen. Glücklicherweise bemerkte der Förster aber, daß das Glas leer war und schenkte schnell nach. „Bleib ruhig Heinrich, nimm die Flasche hier mit und wir schauen uns den Ort gleich an.“

Schnell waren sie an der Schafweide. Verstört liefen die Schafe herum. Das tote Tier lag noch immer auf der Weide. Sorgfältig suchte der Förster die Umgebung ab. Doch die Schafe und auch Bauer Heinrich hatten zuviel zertrampelt. Es war nicht möglich eindeutige Spuren zu finden.

So sah sich Förster Grünrock das tote Schaf genauer an. Doch den für einen Luchs typischen Drosselbiß konnte er nicht erkennen. Eher sah er deutliche Rissspuren und fand schließlich auch ein paar graue Haare. Die gefundenen Haare steckte er in einen kleinen Beutel und machte noch ein paar Fotos vom Opfer. „Die Spuren schicke ich jetzt zum Landesamt. Dort werden sie untersucht. Sobald ich die Ergebnisse habe, melde ich mich bei dir.“ Bauer Heinrich holte bereits tief Luft.

„Vorerst nimm als Entschädigung die Flasche Bitterblubber hier an. Ich glaube nicht, daß es der Luchs war. Also, laß das mit der Falle sein. Außerdem ist das verboten!“ Der Förster streckte Heinrich die Flasche entgegen und dieser zögerte nicht zuzugreifen. „Un wenn der dasch doch war, isch mach eene Pelzjagge aus dem.“ brummt Heinrich in seinen Bart, nimmt einen kräftigen Schluck aus der Flasche und bedankt sich beim Förster.

Dieser verabschiedet sich und eilt zum Bärenwirt.

Edgar Ente ist ein Kind aus Waldesruh. Er interessiert sich sehr für die Natur und die Entwicklung seiner Heimat. Als Reporter hat er großen Anteil daran, dass der Ort Waldesruh quasi von der Öffentlichkeit „wieder entdeckt“ wurde und berichtet vornehmlich vom Leben aus diesem Ort.

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